Kriminalgeschichten

Die dunkle Seite des Mondes

Zugegebenermassen habe ich mir damals Die dunkle Seite des Mondes von Martin Suter in erster Linie aus Liebe zu Pink Floyd gekauft. Über den Autor wurde auch dieses Jahr, nach Erscheinen von Montecristo, seinem neuesten Roman, viel geredet und geschrieben. Das hat mich schlussendlich dazu bewogen, das Buch einmal von seiner Staubschicht zu befreien und auf ein Neues darin zu blättern. Und für Suter war es ein Kinderspiel, mich nochmals zu packen: „«Kein Problem», antwortete Urs Blank freundlich und stellte sich vor, wie er Dr. Fluri ohrfeigte, «dazu bin ich schliesslich da»“. Mit dieser Einleitung werden wir Leser mitten ins Geschehen geworfen.
Die dunkle Seite des Mondes ist der zweite Teil von Martin Suters „neurologischen Trilogie“, wie er selbst seine drei Erstlinge nennt. Auch Small World und Ein perfekter Freund sind Krimis, deren Protagonisten mit ihrer Identität hadern. Alle drei sind perfekt als Nachttisch-Lektüre geeignet. Noch besser liest sich Die dunkle Seite des Mondes allerdings an einem geheimen Ort im Wald mit Pink Floyd im Ohr.

Dieser Wirtschaftskrimi handelt von einer Midlife-Crisis, Drogenexperimenten und einer Flucht in den Wald. Der Protagonist, Doktor Urs Blank, ist ein Zürcher Wirtschaftsanwalt und Fachmann für Fusionsverhandlungen. Er hat sich stets unter Kontrolle und ist damit erfolgreich; er trägt massgeschneiderte Klamotten, teure Uhren und fährt eine schwarze Limousine der Marke Jaguar. Mittwochs trifft er sich jeweils mit Alfred Wenger, einem befreundeten Psychologen, im teuersten Restaurant der Stadt zum Mittagessen. Mit Pink Floyd oder oder Drogen hat er bis dato gar nichts zu tun. Ein erster Waldspaziergang nach viel zu langer Zeit ist schliesslich der Auslöser für eine dramatische Veränderung in Blank.

Dass ihn die ganzen Besitztümer und sein Status allein nicht glücklich machen, merkt er, als er die viel jüngere Lucille kennen lernt, die auf einem Flohmarkt Räucherstäbchen verkauft. Sie lebt in einer WG, kifft gelegentlich und zieht ein junges Kätzchen gross. Urs fällt auf, dass Lucille viel unbeschwerter lebt als er und ist fasziniert von ihr. Aller Gegensätze zum Trotz freunden sich die Beiden an. Lucille lädt den Wirtschaftsanwalt schliesslich zu einem gemeinsamen Pilztrip-Wochenende im Tipi-Zelt ein. Um seinem tristen Alltag zu entkommen, lässt der sich darauf ein. Bei den schwindelerregenden Schilderungen des Trips mischt Suter surreale Bilder mit der Wirklichkeit. Auf dem Höhepunkt dieses psychedelischen Happenings fällt alle Kontrolle von Urs Blank ab und auch als die Wirkung der Drogenpilze nachlässt, ist er nicht mehr der Alte. Er hat sein Gewissen verloren und muss nun jeder Intuition, jeder Gefühlsregung folgen. Sein verborgener dunkler Charakter kommt nun zum Vorschein: er wird zum Tyrannen. Dabei isoliert er sich immer mehr von seinem Umfeld. Diesen plötzlichen Kontrollverlust schildert Suter äusserst spannend. Blanks Gefühlskälte, unter der er agiert, lässt einen erschaudern.
Besonderen Nervenkitzel verleiht dem Buch das Duell zwischen Blank seinem Mandanten Pius Ott. Ott findet erst Gefallen an Urs Blank und schenkt ihm ein Jagdmesser mit der Inschrift „never hesitate“. Unabsichtlich und durch die Folgen des Pilztrips lebt Blank fortan nach diesem Motto – was auch Pius Ott später am eigenen Leib zu spüren bekommt.

Ganz egal ist es Blank jedoch nicht, dass sein Leben eine derartige Wendung genommen hat. So vertraut er sich Wenger an und beginnt eine Therapie. Der Psychologe rät ihm, denselben Drogentrip zu wiederholen und auf diesem Weg die Entgleisung seiner Persönlichkeit aufzuheben. Als auch dieser Plan fehlschlägt, zieht Blank sich mehr und mehr in den Wald zurück bis er schliesslich ganz in ihm verschwindet. Er eignet sich das Wissen an, um dort zu überleben. Und der Autor hat in diesen Passagen ganze Arbeit geleistet: er lässt Blank jede Pflanze und jedes Tier, dem er begegnet, benennen. Es ist faszinierend, durch den Anwalt zu erfahren, wie viel Geniessbares wir in den hiesigen Wäldern finden könnten, wüssten wir nur wie, was und an welchen Stellen. Es zeigt sich aber auch, dass Verschwinden in einem relativ dicht besiedelten Land wie der Schweiz kaum möglich ist. Auch wenn sich Urs Blank die grösste Mühe gibt, unentdeckt zu bleiben, kann er seine Spuren nie ganz verwischen.

In Die dunkle Seite des Mondes nimmt uns Suter mit auf die Flucht eines erfolgreichen Geschäftsmannes an den Rand der Gesellschaft. Die Grenzen zwischen Opfer und Täter, Verfolger und Beute verschwimmen in dieser eigenwilligen Geschichte und zeigen deren dunklen und verborgenen Seiten.

Martin Suter: Die dunkle Seite des Mondes. Diogenes Verlag, 2000. Als Taschenbuch erschienen 2001. 315 Seiten, ca. 17 Franken. ISBN 978-3-257-23301-8

Nächste Woche geht es dann wieder los mit neuen Buchrezensionen. Zum Auftakt reisen wir mit Dominique Götz nach Hamburg.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: