Steinbockjagd

Cavrein

Wer möchte denn ein Büchlein lesen über die Bündner Steinbockjagd? Das habe ich mich gefragt, als ich diese kleine Jagdfibel geschenkt bekommen habe. Ich war mehr als skeptisch, als ich diesen Geheimtipp Namens Cavrein aus dem Geschenkpapier auspackte. Meine Bündner Freundin Antonia hat es mir per Post zum Geburtstag geschickt. Wir sind beide Sternzeichen Steinbock. Ob ihr das bewusst war, weiss ich allerdings nicht. Sie schrieb mir einfach, dass es eines ihrer Lieblingsbücher sei und einem einweihe ins Geheimnis der Steinbockjagd „Catscha sil capricorn“ . Und darum kann ich jetzt hier auf Freitagsbloggers endlich und pünktlich zum Auftakt der herbstlichen Jagd-und Wandersaison über diese einzigartige Erzählung von Leo Tuor berichten.

 

Catscha sil capricorn en Cavrein – eine Bündner Jagdfibel der etwas anderen Art

Cavrein ist das Zauberwort und sozusagen der Jagdschein für literarische Wanderer, die zwei Wochen lang Leo Tuor auf der Steinbock-Pirsch begleiten wollen. Ausgangsort und Namensgeberin dieser Erzählung ist dabei die Alp Cavrein: „Wenn du nicht diese Krankheit der Männer hast, wenn du nicht unbedingt in den ersten Tagen schon eine wilde Geiss erlegt haben musst, ja, wenn du sogar in Kauf nehmen willst, nichts zu schiessen und als schlechter Jäger dazustehen, dann stell ein Gesuch für Cavrein oder Russein. Dorthin lassen die Wildhüter nicht jeden gehen.“

Und so folgen wir dem jagenden Autoren zwischen Steinbrocken „Lawinentötern“ und durch Runsen, Himbeeren und Heidenkraut, auf Schafpfaden und entlang Geröllhalden – laufend, kauernd, kriechend – von der Alp Cavrein aus bis in die hinterletzten Täler der Surselva. Dabei spricht Tuor laut vor sich hin: Mal in derben Dialekt, mal lateinisch, mal rätoromanisch, mal italienisch zitiert er alte Dichter oder Philosophen wie Wittgenstein und Dante oder Schriftsteller wie Hemingway. Und es ist wunderbar bereichernd, seinem Sprachfluss zu lauschen. Er spricht über die Landschaft und die Geissen und schimpft über feuchte Hütten, „diese Rheumahöhlen“ über Mobiltelefone oder Sportflugzeuge, „diese Petrolprotze“ und macht sich mit klugem Witz und geistreicher Ironie über alles, was ihm über den Weg läuft, lustig. Tuor verfolgt diverse Fährten und erzählt dabei unzählige Geschichten und Legenden, beispielsweise von alten Mönchen oder von „mit dem Hammer philosophierenden Kristallsuchern“ oder vom goldenen Adler, den er unterwegs sichtet. Ganz beiläufig erwähnt er auch ein einziges Gänseblümchen, um das herum er sein Mittagessen ausbreitet. Und das alles bei Wind und Wetter, pfeifenden Gewehrläufen und dem Geruch von Maiensäss.

Es gibt wenige Autoren, die so dichten und hochliterarischen Stoff auf nur 89 Seiten zusammen reimen können. Leo Tuor, ein rätoromanischer Schriftsteller, ehemaliger Klosterschüler und Schafhirte, Jäger, Literat, Historiker und Philosoph packt all sein Wissen und seine Erfahrungen in 14 kurze Kapitel und einen Epilog, die sich dann lesen wie ein Gedichtband: Abschnitt für Abschnitt reinste Poesie und Sprachkunst gepaart mit einer immer wechselnden Tonalität. Mal hyperrealistisch, mal abstrakt und mal hoch literarisch. Tuors lautes Philosophieren und feines Dozieren fordert dem Leser einige Konzentration ab. Für Flachländer sind dabei schon die verschiedenen Namen von Tälern und Bergen ein Hochgenuss, denn sie rauschen und gurgeln wie Bergbäche und beflügeln die Fantasie: Val Cavardiras, Val Pintga, Val Cristallina und Val da Cadavers, Piz Tgietschen oder Piz Lumpegna.

In erster Linie geht es in Cavrein jedoch um den Steinbock, den Macun. Es geht um die Charakteristik des Wappentieres von Graubünden, nicht zuletzt aber auch um das Bündnerland und seine Jagdtradition: ums Jägerlatein und um die Jagdgesetze. Tuor berichtet dabei auch über Tintan, Bilibin oder Liconis: alles Jäger, Wildhüter und Jagdaufseher. Bündner Figuren, von denen einige aus dem Nationalepos „Il Cumin d‘ Ursera“ zu entstammen scheinen. Es ist beeindruckend, zu erfahren mit wie viel Respekt, Ernsthaftigkeit und Professionalität die Bündner Jäger auf die Pirsch gehen. Geschossen wird im Buch nur selten und das Gewehr und die Trophäen spielen eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger sind während der Jagd die Erwartung und Vorfreude, das Beobachten und Ausharren. Und dabei muss man, so schreibt Tuor: „mit dem Feldstecher spiegeln, bis einem die Augen herausfallen“.

Mit Cavrein lässt der Autor die Bündner Identität hoch leben und das ganz ohne Schönfärberei. Das Buch wird darum zu einer unpathetischen Liebeserklärung an einen Bergkanton und seine schroffen Täler und Berge. Tuor entfacht durch seine wunderschöne Sprache schnell die Sehnsucht des Lesers und so mancher möchte wohl am Ende des Buches – oder vielleicht auch schon vorher – am liebsten zum Bahnhof laufen, den nächsten Zug nach Disentis besteigen und mit dem Feldstecher bewaffnet zur Cavrein Hütte auf 2649 Meter hochklettern. Und das alles nur wegen des ersten Satzes des Buches: „Willst du ein Tal in all seinen Einzelheiten kennen lernen, einen Berg mit seinen Hängen, Felsen und Halden, mit seinen Nasen und Köpfen, seinen Tobeln, Tiefen und Winkeln, so mach dich auf die Jagd nach dem Steinbock und geh ins Hochgebirge.“

Wer nicht die Freiheit besitzt, einfach den nächsten Zug zu besteigen, kann sich Leo Tuors andere zwei Werke kaufen, die beide den Schillerpreis gewonnen haben und sich auch im Hochgebirge des Bünderlandes abspielen. Mit den beiden Büchern Giacumbert Nau – Hirt auf der Greina oder Settembrini – eine Hymne aufs Jagen kann man bequem vom Sofa aus – ohne eine einzige Schweissperle auf der Stirn – dem Unterland entfliehen.

Cavrein von Leo Tuor, aus dem Rätoromanischen übersetzt von Claudio Spescha, 2014 Limmat Verlag Zürich, 89 Seiten, 24.80 Franken, eBook 19.95 Franken

Erschienen unter dem Originaltitel: Catscha sil capricorn en Cavrein von Leo Tuor, 2010 Chasa Editura Rumantscha, Chur

 

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