Reiseabenteuer

Auf Fischfang mit Rudyard Kipling

Im deutschsprachigen Raum wirft das Dschungelbuch bis heute einen langen Schatten über das restliche Werk von Rudyard Kipling, auch weil seine Bücher und Gedichte nicht alle ins Deutsche übersetzt worden sind. Zu Unrecht, dachte sich wohl der Verlag Büchergilde und legte diesen Herbst Kiplings Bildungsroman Über Bord neu auf.

Harvey Cheyne junior ist ein verwöhnter Schnösel und Millionärssohn, der überall mit dem Geld seines Vaters angibt. Harveys Mutter steht in der Sorge um ihren Sohn stets am Rande eines Nervenzusammenbruchs und ist schliesslich gemeinsam mit ihm auf einem Passagierschiff unterwegs über den Atlantik nach Europa, um dem Jungen dort Bildung und Erziehung zu ermöglichen. Doch dort kommt Harvey nie an, zumindest nicht auf dieser Reise. Denn als ihm vom Rauchen schlecht wird, fällt er über Bord und aus seinem privilegierten Leben. Gerettet wird er von den Kabeljaufischern der We’re here. An Bord versucht er erst mal mit Geld weiterzukommen und verlangt, unverzüglich zurück zur Küste gebracht zu werden; sein Vater würde den Kapitän für die entgangene Fangsaison grosszügig entschädigen. Doch die Besatzung hält Harvey für einen Verrückten und der Kapitän Disko stellt ihn seinem Sohn und Schiffsjungen Dan zur Seite. Für zehneinhalb Dollar (sein bisheriges Taschengeld betrug 200 Dollar im Monat) soll er fortan auf dem Kutter arbeiten, bis die We’re here wieder zum Festland zurückkehrt.

Nur gerade sechs Seiten braucht Kipling für seine Einleitung und schon nimmt die Handlung Fahrt auf. Es ist diese umstandslose Erzählweise, die Über Bord zu einem absoluten Lesevergnügen macht. Harvey kommt erstmals mit Menschen in Kontakt, die unkompliziert sind, weil sie sich etwas anderes gar nicht leisten können. Während sich in anderen Bildungsromanen aus dieser Zeit ein ganzes Umfeld mit Liebe und Kunst abmüht, um den Intellekt aus einem Kind hervorzulocken, wird Harvey mit harter Arbeit und rauem Umgangston zur Vernunft gebracht. Zugleich ist das Buch ein Porträt der Seefahrt und Kipling begegnet diesem Handwerk mit viel Hochachtung und Respekt. So verwundert es nicht, dass das Seeabenteuer gleich nach Erscheinen 1897 zur Sensation wurde; das Meer hat in der Englischen Literaturgeschichte einen hohen Stellenwert. Bis heute ist Über Bord in der angelsächsischen Welt so berühmt wie das Dschungelbuch.

Die vorliegende Ausgabe von Über Bord ist von Gisbert Haefs übersetzt worden und er hat die sprachliche Vielfalt gekonnt adaptiert. Denn Kipling hat auf der We’re here eine bunte Truppe zusammengewürfelt, die alle unterschiedliche Dialekte und Akzente sprechen gemischt mit seemännischem Kauderwelsch. Später im Buch bestehen ganze Absätze nur noch aus Begriffen, die man an Land noch nie gehört hat: „hart nieder“, „hart nach Lee“, „Küver bergen“, „staken“, „alles wegfieren“… Der Übersetzer hat durch das ganze Buch Randnotizen hinterlassen, die Erklärungen liefern – auch zur Übersetzung, beziehungsweise zum Originaltext, der unter dem Titel Courageous: A Story of the Grand Banks bei Macmillan & Co. in London erschienen war.

Wider Erwarten macht Harvey seine Sache gut. Er merkt schnell, dass das Leben auf See zwar anstrengend und brutal ist, aber es die Menschen dort gut mit ihm meinen. Der gleichaltrige Dan zeigt ihm, was zu tun ist und Harvey entwickelt den Ehrgeiz, seine zehneinhalb Dollar wert zu sein. Er akzeptiert sein neues Leben und reift zu einem verantwortungsbewussten Mann heran.

„Auf der We’re Here war er ein anerkannter Teil des Ganzen; er hatte seinen Platz am Tisch und in den Kojen und er konnte durchaus mithalten bei den langen Gesprächen an Sturmtagen, wenn die anderen immer bereit waren, dem zuzuhören, was sie seine „Märchen“ über sein Leben an Land nannten.“

Neben den Randkommentaren des Übersetzers sind die Illustrationen in dieser Ausgabe eine grosse Bereicherung. Gezeichnet hat sie der auf maritime Themen spezialisierte Illustrator Christian Schneider. Mit sparsamem Einsatz von Farbe fängt er die Stimmung auf See ein und gibt dem Text eine weitere Dimension, die den Leser von Beginn an in seinen Bann zieht und tief in den Roman eintauchen lässt. Zur Orientierung hat es in einer Einstecktasche auf dem Buchdeckel eine Seekarte.

Für Leser, die eine Affinität zur Seefahrt haben ist dieses Buch ein Leckerbissen, für Landratten eröffnet sich eine neue Welt und für alle ist es eine Chance, Rudyard Kipling für einmal nicht nur als schillernden Kinderbuchautoren wahrzunehmen.

Rudyard Kipling: Über Bord beim mareverlag GmbH & Co, 2007..
Lizensausgabe für die Edition Büchergilde, Frankfurt am Main 2015. 304 Seiten, 32 Franken.

 

Nächste Woche führt uns Dominique Götz direkt ins Herzen der Schweizer Literaturszene: es geht nämlich um das Gewinner-Buch des Schweizer Buchpreises 2015.

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