Reiseabenteuer

Zurückgelassen in den Wellen

Allein mit dem Tod - Nick Ward

Text und Bilder von Jana Kilchenmann

Dreissig Jahre hat Nick Ward, der letzte lebend geborgene Teilnehmer des Fastnet Race 1979, gebraucht, um über die Ereignisse von damals sprechen zu können. Über den Jahrhundertsturm und seine Folgen beim Rennen in den Medien zu lesen, schmerzte ihn so sehr, dass er ein Jahr darauf beschloss, keine Interviews mehr zu geben – und dabei beliess er es. Bis ihn dreissig Jahre später die Dokumentarfilmerin Sinéad O’Brien kontaktierte. Entstanden ist das Buch Allein mit dem Tod – Eine verschwiegene Tragödie vom Fastnet Race 1979 (Original: Left For Dead).

Als Nick Ward 1960 vier Jahre alt wird, baut ihm sein Vater eine Jolle, ein Jüngstenboot, und bringt ihm von nun an die Grundbegriffe des Segelns bei. „Eine der ersten Regeln, die er mir einimpfte, war, nach einer Kenterung immer am Boot zu bleiben.“ Ward ist im kleinen Ort Hamble an der englischen Südküste geboren. Man könne dort nicht aufwachsen, ohne mit der Seefahrt oder dem Segelsport in Berührung zu kommen.

Segeln, segeln, segeln
Und so fokussiert sich das ganze Leben von Nick Ward auf das Wasser. Mit 13 Jahren nimmt er erfolgreich an ersten Regatten in kleinen Kielbooten teil. „Ich machte mir keine Sorgen um meine Zukunft – sie lag so klar vor mir. Ich war fest entschlossen, zur Handelsmarine zu gehen. Fest stand für mich auch, an welchen Hochseeregatten ich teilnehmen wollte. 17 Jahre, so meinte ich, wäre das richtige Alter für mein erstes Fastnet-Rennen.“
Doch im letzten Schuljahr erleidet er eine Gehirnblutung und wird auf den Ausgangspunkt zurückgeworfen, lernt entgegen allen schlechten Prognosen wieder sprechen, gehen und vor allem segeln. Damals kann er noch nicht ahnen, wie existenziell es schon bald für ihn sein wird, zu wissen, wie viel er schaffen und durchhalten kann.

Durch seine Arbeit in einem Schiffs- und Yachtausrüstungsgeschäft lernt Ward 1977 David Sheahan kennen, der ihn zum Besatzungsmitglied auf der Grimalkin macht, auf der dieser Skipper ist. In einer Wettfahrt qualifizieren sie sich für das Fastnet Race im August 1979.

„Es war Sonnabend, der 11. August 1979, frühmorgens. Die nächsten vier Tage würden unser Leben für immer verändern. Die Grimalkin und ihre Besatzung standen vor einer über 600 Meilen langen Odyssee – einer Höllenfahrt, über die man noch jahrzehntelang Vermutungen anstellen würde.“ 

Das Fastnet Race, heute Rolex Fastnet Race, ist ein Offshore-Rennen, das in Cowes (Isle Of Wight) startet, durch den Ärmelkanal führt, um den Fastnet-Felsen, den südlichsten Punkt Irlands, herum geht und dann in der Hafenstadt Plymouth endet (608 Meilen). Es findet in den ungeraden Jahren statt und war damals das Abschlussrennen des Admiral’s Cup, der als Weltmeisterschaft im Hochseesegeln galt.

DSC_0295
Auf der Karte im Buch ist die Strecke des Fastnet Race eingezeichnet mit allen wichtigen Orten und Leuchttürmen.

Kurs in Richtung Fastnet Felsen
Mit dem Start des Rennens verändert sich die Erzählweise im Buch insofern, dass Ward natürlich für jeden Handgriff, jedes Werkzeug und jede Einzelheit an Bord den richtigen Begriff kennt und so eine Art „Seglersprache“ entsteht: „Der Abstand zu unseren Konkurrenten war so gering, dass die Wellen, die sie beim Wenden machten, manchmal unsere Genua bespritzten oder in unsere Plicht klatschten. Das Klicken der Winschen und das Geräusch der durch die Blöcke laufenden Schoten zeugten davon, wie schwer die Segler um uns herum arbeiteten.“. Die Zeichnung der Grimalkin und die Umrisse mit Erläuterungen im Anhang zeigen lediglich, wo sich was befindet, ohne Erfahrung mit Booten kann man sich jedoch unter manchem nur wenig vorstellen. Dieser Umstand macht das Erzählte aber nicht weniger verständlich, dafür umso authentischer.

Nach dem Start macht die Grimalkin den ganzen Samstag über gut Fahrt, so dass die sechs Besatzungsmitglieder am Sonntagmorgen vor der Küste von Dorset nur noch grössere Yachten anderer Klassen vor sich sehen. Auf einer Karte im Buch kann man der Regatta mit dem Finger folgen. Alle wichtigen Punkte und Leuchttürme sind zur Orientierung verzeichnet. Dann folgen 24 Stunden völlige Windflaute, bevor sich am Montag der Himmel ungewöhnlich orange-gelb verfärbt und plötzlich aufkommender Nebel die Yachten einhüllt. Als sie Lands End passieren und auf die irische See hinaus segeln, frischt der Wind plötzlich auf.

Dann geht alles schnell. Die Schiffsbewegungen werden so stark, dass sich die Segler festbinden müssen und trotz der Sicherheitsleinen in der Plicht herumgeschleudert und hochgehoben werden, als sie versuchen in den Wellenkämmen und -tälern eine Kenterung zu vermeiden. Geschwächt und orientierungslos entschliessen sie sich bald, einen Notruf abzusetzen. Mitten in einem Wortgefecht darüber, ob sie in die Rettungsinsel steigen sollten oder nicht, wird die Grimalkin von einer Welle angehoben, die grösser ist als alle bisherigen. „Dieser aus dem Halbdunkel kommende, überwältigende, unvorhergesehene Kaventsmann war oben durchscheinend: Das wenige Licht, das es gab, schimmerte durch den überkippenden Wellenkamm.“ .

Das und ein Schlag auf den Hinterkopf sind das Letzte woran sich Nick Ward erinnert, bevor  er im Wasser neben der Grimalkin zu sich kommt, von seiner Sicherheitsleine mitgezogen. Zurück auf dem Boot findet er die leeren Sicherheitsleinen der anderen. Der Stauraum für die Rettungsinsel ist leer. Beim Absuchen des Seitendecks findet er die Leiche seines Mitseglers Gerry. Dieser wird in den folgenden Stunden Wards einzige Gesellschaft sein.

Auf und ab
Der Mast ist gebrochen, in der Kajüte alles überflutet, das Funkgerät hinüber. Nick Ward hat keine andere Möglichkeit, als auszuharren und auf Rettung zu hoffen. Allein muss er nun die Grimalkin durch den tosenden Sturm lenken und die Wassermassen ertragen, die sich seit Stunden über ihn ergiessen. Irgendwann fordert er schreiend und mit ausgeklickter Leine eine Riesenwelle auf, ihn sich zu holen. Als die Sonne untergeht und der Sturm nicht merklich nachgelassen hat, findet er sich mit dem Gedanken ab, auf der Grimalkin im Meer zu versinken. Bevor ihm vor Erschöpfung die Augen zufallen, glaubt er am Horizont zwischen den Wellen zwei Yachten zu erkennen. Es ist seine Rettung. Ein Hubschrauber zieht ihn nach 14 Stunden Irrfahrt aus den Wellen.

DSC_0297
Im Buch sind auch zahlreiche Fotos enthalten, die Ward bei seiner Recherche gefunden hat. Hier die Grimalkin eine Stunde vor dem Start der Regatta vor Cowes.

Der Sturm hat 15 Teilnehmern des Fastnet Race 1979 das Leben gekostet. Von den insgesamt 303 teilnehmenden Yachten haben 85 das Ziel erreicht. 194 sind ausgeschieden, 19 aufgegeben und geborgen worden und fünf gesunken. Diese und weitere Angaben zu diesem Sturm und dem Rennen enthält der Anhang des Buches.

In Sicherheit und wieder auf den Beinen hätte sich Ward sehnlichst gewünscht, mit den anderen Überlebenden der Grimalkin über die Regatta zu sprechen. Über ihr Verschwinden und seine einsamen Stunden in der Irischen See. Ein Gespräch kam nie zustande. Im Rahmen seiner Arbeit an diesem Buch recherchierte Ward jedoch anderweitig und fand die beiden Yachten, die für seine Rettung verantwortlich gewesen waren, sowie den Mann, der aus einem Hubschrauber sprang, um ihn zu retten. Sogar die Grimalkin konnte geborgen werden und segelt heute mit anderem Besitzer unter demselben Namen.

Allein mit dem Tod zeigt auf besonders eindrückliche Weise, dass eine gute Vorbereitung, Fachwissen, Erfahrung und Ausrüstung der Natur nur wenig entgegensetzen können. Nick Ward erzählt sehr persönlich aber ohne auszuschmücken und ohne Schuldzuweisungen, was in diesen vier Tagen passiert ist. Ergänzt wird die Erzählung mit einem informativen Anhang, Fotos und einer Karte.

Das Rolex Fastnet Race findet übrigens diesen August zum 90. Mal statt.

Die englische Originalausgabe mit dem Titel „Left for Dead“  von Nick Ward und Sinéad O’Brien erschien bei Adlard Coles, an imprint of A & C Black Publishers Limited, London, 2007. Die Rechte für die deutsche Ausgabe liegen beim Verlag Delius, Klasing & Co. KG, Bielefeld, 2013. Aus dem Englischen übersetzt wurde es von Klaus Berger unter Mitarbeit von Susanne Berger. Es kostet ca. 19 Franken.

Nächste Woche reisen wir mit Dominique Götz nach Basel und in die Script Avenue.

  1. Margrit Wirtz

    Sehr spannend geschrieben, liebe Jana. Toll was Du alles machst! Dein Mami

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: