Reiseabenteuer

Wenn einer eine Reise tun muss

Text: Daniel Meister, Bilder: Daniel Meister und Julia Achermann

Albert Camus ist einer, über den ein dahergelaufener Blogger wie ich eigentlich nicht schreiben sollte. Der französische Autor ist Literaturnobelpreisträger und als ob das nicht genügen würde auch schon seit rund 50 Jahren tot. Ideale Voraussetzungen für einen Schriftsteller, um zu den ganz, ganz Grossen der Weltliteratur gezählt zu werden – in Camus‘ Fall übrigens zu Recht, meiner Meinung nach. Doch für mich als Blogger ist diese Ausgangslage quasi eine Garantie dafür, einen zu 100% redundanten Text zu produzieren: Alles, was es über Camus zu sagen gibt, wurde schon gesagt. Ich tue es trotzdem nochmals. Klingt absurd und ist es auch, aber hey, bei uns Freitagsbloggers geht es nun mal um Bücher und Reisen und da darf ein Buchtipp für Camus‘ „Reisetagebücher“ einfach nicht fehlen.

Das Buch enthält den Inhalt von zwei Reisetagebüchern, die Albert Camus während zwei Reisen geführt hat: 1946 mit dem Schiff nach New York und Kanada und 1949 mit dem gleichen Transportmittel nach Südamerika. Die beiden Hefte wurden 1978, zehn Jahre nach Camus‘ Tod zusammen unter dem Titel „Journeaux de Voyage“ veröffentlicht und zwar gemäss Angaben der Herausgeber unredigiert, Wort für Wort. Zum grossen Glück für uns lesende Menschen.

Aber beginnen wir von vorn, das heisst in den späten 1940er Jahren. Der zweite Weltkrieg ist vorüber, auch Europa beginnt von vorn. Albert Camus, der während des Kriegs für die Widerstandszeitung „Combat“ gearbeitet hat, ist inzwischen ein angesehener Journalist und, spätestens seit der Veröffentlichung seines zweiten Romans „die Pest“ 1947, ein weltweit bekannter Schriftsteller.

Dieser Ruhm bringt Verpflichtungen mit sich. Von Camus wird erwartet, dass er sich der weltweiten Intelligenzia präsentiert. Camus reist somit vor allem auf Druck seiner Verleger und eher widerwillig. Doch Camus wäre kein Schriftsteller, wenn er sich nicht detaillierte und sehr treffende Reisenotizen machen würde.

Sprachlich balancierend zwischen Präzision und Poesie und zwischen Spott und Ernsthaftigkeit skizziert er Menschen, Landschaften, Gedanken, Formulierungen. Viele seiner Notizen finden später Eingang in seine Romane.

Man könnte erwarten, dass sich die Notizen Camus‘ wie eine Art gelesene Zeitreise erleben lassen; immerhin beschreibt er die bereisten Länder so, wie sie vor 60 Jahren waren. Doch Camus hat ein grosses Talent dafür, die Dinge so zu beschreiben, wie man sie im Moment des Erlebens fühlt. Vielleicht fällt einem deshalb beim Lesen vor allem auf, wie aktuell viele seiner Beobachtungen immer noch sind. So notiert er beim Anblick der New York Skyline ergriffen (oder erschüttert?): „Das Herz zittert vor so viel bewundernswerter Unmenschlichkeit.“ –  heute immer noch eine sehr treffende Beschreibung des Gefühls, das einem angesichts der gigantischen Stadtsilhouette beschleicht.

Freitagsbloggers New York Skyline J. Achermann
Eingezwängt in das eng geschnürte Korsett seines Terminkalenders, reist Camus von New York nach Kanada und von Rio nach Montevideo, trifft unterwegs Intellektuelle, besucht Universitäten, gibt Interviews und Lesungen. Als Leser schaut man gewissermassen einem klugen und witzigen Menschen über die Schulter, der sich plötzlich in der Rolle eines Starautors wiederfindet und dem der Rummel um die eigene Person nicht besonders zu behagen scheint. Öfter hat man den Eindruck, dass Camus die unzähligen Termine nur über sich ergehen lässt, damit er sich danach boshafte Notizen dazu machen kann. Zum Beispiel, wenn er über das Treffen mit einem brasilianischen Dichter schreibt:

„Im Auto bitte ich darum, dass wir nicht in ein Luxusrestaurant gehen. Und der Dichter taucht empor aus seinen 150 Kilo und sagt mit erhobenem Finger: „Es gibt keinen Luxus in Brasilien. Wir sind arm, bettelarm“ und dabei tätschelt er liebevoll die Schulter seines goldbetressten Chauffeurs, der seinen riesigen Chrysler fährt. Nachdem der Dichter gesprochen hat, seufzt er schmerzlich und sinkt wieder in seine Fleischnische zurück, wo er zerstreut an einem seiner Komplexe zu nagen beginnt.“

Und einem Bekannten vertraut er nach der ersten Reise an, die USA seien „ein grosses, starkes und in seiner Freiheit diszipliniertes Land, das jedoch von vielen Dingen und vor allem von Europa nicht viel Ahnung hat“.

Viel von Camus‘ Missmut hat damit zu tun, dass er gesundheitlich angeschlagen ist, vor allem während der zweiten Reise, wo ihn ein Anfall von Schwindsucht heimsucht – eine Krankheit, an der der Schriftsteller sein Leben lang gelitten hatte. Doch gerade wegen der einander widerstrebenden Gefühle des Schreibenden – Belastung, Sorge um die Gesundheit, Aufmerksamkeit und Bewunderung für die ihm neuen Länder – entsteht beim Lesen dieses Buches das Gefühl, den Autoren von einer sehr persönlichen Seite kennen lernen zu dürfen. Gerade für uns zu spät Geborene ein grosses Geschenk. Denn trotz aller Boshaftigkeit und trotz allem Missmut, trotz seiner hämischen Freude am Absurden:  Camus, das wird beim Lesen seiner Reisetagebücher klar, war auch einer der sich der Schönheit und Menschlichkeit der bereisten Länder nicht verschliessen konnte. So detailliert, stellenweise so voller Staunen, so exakt in der Wortwahl sind seine Notizen, dass man fühlt, wie sich Camus den Stimmungen, Landschaften und Städten trotz seiner distanzierten Grundhaltung nie ganz entziehen konnte.

Rio Corcovado freitagsbloggers D. Meister

Für Camus-Liebhaber ein sehr empfehlenswertes Buch. Für Freunde von spitzen, fiesen Kommentaren auch.

Albert Camus Reisetagebücher, 1980 Rohwolt Tagebücher, 18 CHF, Deutsch von Guido Meister
Original: Journeaux de voyage, 1978, Edition Gallimard, Paris

 

 

 

 

 

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