Unterwegs

Noble House oder die Fortsetzung Hong Kongs

„Noble House“ ist das fünfte Buch in James Clavells sechsteiliger Asien-Saga und spielt in Hong Kong, so wie bereits das zweite Buch der Saga, das unter dem Titel „Tai-Pan“ erschienen ist. Während „Tai-Pan“ von der Gründung Hong Kongs erzählt und um das Jahr 1841 spielt, ist die Handlung von „Noble House“ im Jahr 1963 angesiedelt. Was sich seither verändert hat? Viel, vieles aber auch nicht.

Der Reihe nach: Hong Kong ist 1963 immer noch eine britische Kolonie. Doch die Machtverhältnisse in Asien haben sich seit 1841 grundlegend verändert. In China, vor dessen Festland die Insel Hong Kong liegt, haben blutige Kriege den Kaiser als alten Gegenspieler der Briten vom Thron gefegt. Doch auch die neuen Machthaber in China – die Kommunisten unter Mao Tsedong – sehen die Anwesenheit der Briten direkt vor ihrer Haustür nicht gerne. Längst ist der Kalte Krieg in vollem Gange, wodurch auch die USA und Sowjet-Russland um Einfluss auf Hong Kong buhlen. Eine explosive politische Grosswetterlage also.

Vor diesem Hintergrund spielt sich in „Noble House“ ähnlich wie in „Tai-Pan“ ein intrigenreicher Kampf ab, bei dem es letztlich darum geht, wer die wertvolle Hafenstadt kontrolliert. Dabei melden nicht nur die chinesische und die britische Regierung Ansprüche an, sondern auch Geheimdienste, die mächtige Unterwelt der Stadt und nicht zuletzt die grossen westlichen Handelshäuser, die massgeblich an Hong Kongs Gründung und Aufstieg beteiligt waren. Clavell beschreibt die Geschehnisse wiederum vor allem aus Sicht der Patriarchen dieser Firmen.

Kurze Rückblende: Im Buch „Tai-Pan“ gelingt es dem Händler Dirk Struan ein ums andere Mal, seine Interessen durchzusetzen und sein Handelshaus zum grössten und bedeutendsten der Region zu machen – zum Noble House. Wie der Titel des Nachfolgeromans verrät, gibt es das Handelshaus auch 122 Jahre später noch, doch schon zu Beginn des Buchs ist die Firma stark angeschlagen. Zudem verändern sich Technologie, Gesellschaft und Märkte ebenso rasant wie die politischen Verhältnisse. Nur ein Anführer wie er, nun ja, im Buche steht, wird das Seehandelshaus durch die Stürme dieser Epoche lenken können. Und wer wäre dazu besser geeignet, als der gute alte Dirk Struan aus „Tai-Pan“?

Das muss sich auch James Clavell gedacht haben, denn statt sich für „Noble House“ eine neue Hauptperson auszudenken, hat er ganz einfach die alte übernommen, in Gestalt von Dirk Struans Nachfahre Ian Dunross, der charakterlich und äusserlich quasi ein Klon von Dirk Struan ist. Auch sonst übernimmt Clavell die Protagonisten aus „Tai-Pan“ zu einem grossen Teil eins zu eins ins moderne Hong Kong: Der Todfeind von Ian Dunross ist ein Nachfahre des Todfeinds des alten Dirk Struan und der Berater von Ian Dunross ist Nachfahre des Beraters von Dirk Struan. Und so weiter. Der einzige Unterschied ist, dass die jüngeren Ausgaben der Figuren ein Faible für schnittige Sportwagen haben. Nur vereinzelt erschafft Clavell ganz neue Protagonisten.

Glücklicherweise hat sich in Hong Kong seit „Tai-Pan“ aber doch etwas verändert, nämlich die Stadt selbst. Hong Kong ist modern geworden und stark gewachsen: Überall wird gebaut, Millionen Menschen leben hier, das Wasser wird knapp, ebenso der Platz. Auf den Strassen sorgt eine Mixtur aus chinesischer Kultur und dem Nachhallen der britischen Kolonial-Ära für eine brodelnde Stimmung. Es ist eine Stadt, die boomt. Und eine Stadt der Gegensätze: Geheimnisvolle schwimmende Schmugglerquartiere findet man hier nur einen Steinwurf entfernt von gediegenen Empfängen in den Villen der Reichen und Mächtigen. Clavell schildert all das mitreissend und verschafft seiner Leserschaft eine Vorstellung von den Geräuschen, Gerüchen und vor allem von den Geschmäckern der Stadt – kulinarisch ist Hong Kong in den 60er Jahren schon längst in China angekommen. Verglichen mit „Tai-Pan“ bezieht sich der Autor in „Noble House“ weniger stark auf tatsächliche Ereignisse. Dafür lässt er glaubhaft die Stimmung eines Asiens der frühen 60er Jahre wieder aufleben: Es wird getanzt, geliebt, gerast, geraucht und vor allem leidenschaftlich gezockt – an der Pferderennbahn, am Mahjong-Tisch und an der Börse.

Ganz nebenbei verwebt Clavell während all dieser Beschreibungen eine Hauptgeschichte mit etlichen Strängen und diverse Nebengeschichten zu einem dichten Netz, in dem sich einzelne Fäden immer wieder auf überraschende Weise beeinflussen. Hier beginnen die wirklich neuen Figuren des Romans eine wichtige Rolle zu spielen; beispielsweise der amerikanische Multimillionär Lincoln Bartlett, den Ian Dunross als Kapitalgeber für sein angeschlagenes Unternehmen gewinnen möchte oder der Polizei-Inspektor Robert Armstrong, der im Zuge schwieriger Ermittlungen rasch bemerkt, dass in Hong Kong kaum jemand (nur) das ist, was er zu sein vorgibt.

Es ist nicht ganz einfach, die Asien-Saga Clavells nach einer genauen Reihenfolge zu ordnen, weil die Bücher der Saga in unterschiedlichen Epochen spielen und nur lose aneinander anknüpfen. Geht man nach dem Erscheinungsdatum der Romane, ist „Tai-Pan“ das zweite und „Noble House“ das fünfte von insgesamt sechs Büchern. Da aber nur „Noble House“ und „Tai-Pan“ in Hong Kong spielen, kann „Noble House“ auch als direkte Fortsetzung von „Tai-Pan“ gelesen werden.

Dass Clavell in seinem zweiten Buch über Hong Kong viele Elemente aus seiner ersten Geschichte übernimmt, wirkt auf den ersten Blick etwas plump, doch dieses Verfahren hat seine Vorteile. Gerade in einer so umfangreichen Erzählung hilft es, dass gewisse Charaktere in leicht abgeänderter Form wieder auftauchen, weil man so ihre Vorgeschichte schon kennt. Aber auch ohne dieses Vorwissen kann man „Noble House“ problemlos lesen und wird schnell Zugang zu dem Buch finden. Persönlich habe ich „Noble House“ lange vor „Tai-Pan“ gelesen und mich umso mehr über ein Wiedersehen mit Hong Kong und Clavells Charakteren gefreut, als ich in einem Secondhand-Buchladen in Bangkok über ein zerblättertes Exemplar von „Tai-Pan“ stolperte.

Englisch: Noble House, James Clavell, Delacorte Press, 1981,

Deutsch: Noble House, James Clavell, Blanvalet, 1982 aus dem Englischen von Hans Erik Hausner, rund 1‘000 Seiten (je nach Ausgabe), ab ca. 15 CHF

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