Biografien

Die Ankunft der Nacht des Basler Bukowski

Teil 3 der Trilogie: Liebeserklärungen an Basler Autoren

 

Text und Bilder von Dominique Götz

Normalerweise mag ich keine Kurzgeschichten, schon gar keine kurzen Kurzgeschichten oder kurze Superextrakte, die grade mal knapp eineinhalb Seiten lang sind. Eigentlich hab ich Matthyas Jennys Taschenbuch nur aus Höflichkeit gekauft, weil ich ihn mag und  in seinem Laden mal ausgeholfen habe. Und auch, weil ich signierte Bücher sammle. Ich wollte nur schnell reinschauen und ein wenig drin querlesen. Das Taschenbuch des mürrischen Buchhändlers gleich um die Ecke von meinem Zuhause hab ich dann in einem Zug durchgelesen. Denn die schrägen Fragmente aus Jennys Leben sind spannend und haben mich sehr berührt. Und das nicht nur, weil ich den Siebzigjährigen seit ein paar Jahren kenne. Zugegeben, Jennys Geschichten haben eine schlichte Struktur, dafür verfügen sie aber über einen gewissen Bukowski-Charme. Es ist schwierig zu erklären, was Jennys Geschichten lesenswert macht. Eigenwillig, wortkarg, stellenweise deprimierend bis unerträglich: die Stories sind ganz einfach“jenny“. Ganz so wie der bekannte Basler Buchhändler, der die Bachletten Buchhandlung nach dem Tod von Ursula Wernle – seiner grossen Liebe – acht Jahre lang alleine weitergeführt hat, trotz schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen und finanziellen Engpässen. Kompromisslos und kämpferisch hat sich der Bücherfan über Wasser gehalten. Er wollte schon immer die Leute zum Lesen bringen. Und das ohne den ganzen literaturwissenschaftlichen „Quatsch“, dafür aber mit einer Webseite für Online-Bestellungen. Oder Übernachtungen im Buchladen und einem „Dinner for Two“, mit denen der Lebenskünstler seine Gäste inmitten von Büchern bewirtete.

 

Ein Lebens- und Literaturaktivist

Matthias Jenny war nicht immer Buchhändler und Inhaber des kleinen Literaturhauses, nein, er war schon immer alles Mögliche. Ähnlich wie Claude Cueni brach er seine Ausbildung ab und schlug sich mit Gelegenheitsjobs und Reisen durch. Er war unter anderem Schauspielschüler, Gärtner, Fernfahrer, Bühnenarbeiter, Melker, Anlageberater in einer Grossbank und Reisejunkie. Aber vor allem war er Poesieliebhaber und Dichter und hat diverse Gedichtbände publiziert. Er war auch Gründer und Initiant des deutschsprachigen „Poesietelefon“ und der Aktion „Tag der Poesie“. Parallel dazu betrieb er jahrelang den Verlag „Nachtmaschine“, verlegte über 140 Titel und kümmerte sich als alleinerziehender Vater tagsüber um seine zwei Kinder. 20150619_153348-1Jenny ist aber auch Schriftsteller. Er schrieb viele Kurzgeschichten, die in Taschenbüchern, Zeitschriften und in NZZ-Wochenendbeilagen publiziert wurden. Dabei lehnte er sich immer gegen das literarische Establishment, deren Bequemlichkeit und Überheblichkeit auf. Trotzdem stellte er seinen Tatendrang und seine Kreativität in den Dienst der Öffentlichkeit. So war er beispielsweise Gründer und Initiant des „Literaturhaus Basel“, des „Literaturfestival Basel“ und der „BuchBasel“. Für sein Engagement erhielt der Literaturaktivist diverse Auszeichnungen. 2011 überreichte ihm Guy Morin den Kultur-Preis der Stadt Basel.

 

Mit allen Wassern gewaschen und von allen Schweinehunden gehetzt

20150619_172744-1Jennys Stories sind Retrospektiven und Momentaufnahmen aus seinem Leben. Mit einigen Strichen zeichnet Jenny ein atmosphärisches Bild, reduziert aufs Notwendigste, aber dennoch von starker Ausdruckskraft. Aufwühlende Bilder eines Menschen, der im Leben vieles ausprobiert hat und immer an die Grenze ging und auch darüber hinaus. Ähnlich wie Claude Cueni beleuchtet er kleine Details und Intimitäten des Alltags und man kommt ihm dabei schrecklich nah. Er erzählt manchmal in der ich-Perspektive und manchmal in der dritten Person. Die Geschichten berichten über seine enge und farblose Kindheit, seine bürgerlichen Eltern und deren Tod. Oder über seine Reisen durch die USA in den Siebzigerjahren: Er reist mit dem Greyhound, ist auf der Suche nach Bukowski, lebt auf der Strasse und wird ins Leben von Pennern und Junkies reingezogen: „…..mit Tramps wie wir, sozusagen mit allen Wassern gewaschen und von allen Schweinehunden gehetzt.“

Er schreibt immer wieder über das Ende einer Liebe, über die Beziehungslosigkeit und den „cold fuck“. Jenny – der seit über dreissig Jahren keinen Alkohol angerührt hat – berichtet über seine Alkoholsucht als junger Mann und über die Tristesse, nachdem seine Frau abgehauen ist und ihn mit den zwei kleinen Kindern alleine gelassen hat. Er beschreibt auch die Sorgen eines alleinerziehenden Vaters, der mit seiner kleinen Tochter versucht die Nacht auszusperren, weil sie von Ängsten gequält wird: „Vielleicht sind die Schatten des Tages die Reste der Nacht, die zurückgeblieben sind, weil sich die Nacht auf der Flucht vor dem Tag so beeilen musste.“

Die stärkste Erzählung ist aus meiner Sicht „Die Beschreibung der Tiefsee“. Sie ist die umfangreichste seiner Kurzgeschichten und liest sich wie ein Krimi. Sie beschreibt die Reise des jungen Jennys mit seinem Sohn im VW-Kastenwagen nach Griechenland. Bei seinen Reisebeschreibungen spielt nicht die Landschaft eine wichtige Rolle, sondern die Geschehnisse, die das Innenleben der Protagonisten reflektieren. So auch in „Road Runner“, wo er beschreibt, wie er Webmaschinen nach Bagdad fährt, um Araberkinder vom Teppichknüpfen zu erlösen. „Wir sitzen in den Kabinen, eine Jugo-Rast-Hure oder ein Stricher auf dem Beifahrersitz, aber meistens alleine mit hundert Tonbandkassetten und jagen uns tagelang, wochenlang mit voll aufgedrehten Motoren nach. Durch das Schütteln geil und hirnlos; das Auf-und Niederstampfen der Kolben in den Kreislauf übergehend. „

 

Die versprochene Liebeserklärung

Nichts ist schwieriger als eine Liebeserklärung an Matthyas Jenny! Es ist in seinem Fall einfacher eine Liebeserklärung an die verstaubte und chaotische Bachletten Buchhandlung zu machen. Oder an die Veranstaltungen im kleinen Literaturhaus unten im Keller, die er mit viel Herzblut organisiert hat: die Lesungen mit verschiedensten Autoren, Philosophen und anderen Charakteren der schreibenden Zunft, begleitet von einem Apéro und manchmal sogar Musik. OLYMPUS DIGITAL CAMERAOder mein persönliches Highlight: Der Schreibwettbewerb für Jugendliche, den er 2013 im Rahmen des 20-Jahre-Jubiläums der Bachletten Buchhandlung durchgeführt hatte. Zwei Gewinnerinnen und ein Gewinner der jeweiligen Alterskategorien gewannen je einen 100 Franken-Büchergutschein. Jenny war jedoch zu erschöpft, um für die Preisverleihung eine Einladung zu versenden. Und so sassen wir Eltern alleine im Publikum und die Jugendlichen lasen ihre Texte vor leeren Stühlen. Dennoch: wie glücklich wir waren in diesem Augenblick, eine zusammen gewürfelte Gruppe Menschen, die sich traf, einzig und allein wegen Jennys Leidenschaft für Literatur.

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Die vielleicht leisesten Liebeserklärungen an Matthyas Jenny sind die vielen Bücher in meinem Regal. Entdeckungen, rausgeklaubt aus den Büchertürmen, die den Boden verstellen und bei der kleinsten Berührung zusammenfallen. Und hinter dem Tresen steht der Buchhändler und kennt alle Verstecke seiner Perlen; er fischt sie aus seinem literarischen Meer und präsentiert sie stolz wie der Tiefseetaucher seine Beute. Diese Bücher, die, wenn man sie öffnet, nach kaltem Zigarettenrauch riechen. Und einem das Gefühl geben, ein klein wenig zu Hause angekommen zu sein: in Basel, im Herzen des Bachletten-Quartier auf einer literarischen Insel für lesehungrige Seelen.

Gekündigte Liebe

Matthyas Jenny hat seine Facebook-Seite bereits gelöscht und tausenden von Facebook-Freunden lautlos seine Liebe gekündigt. Im September werden drei Schwestern die Bachletten Buchhandlung übernehmen. Und wir alle werden ihn, seinen Zigarettenrauch und seine Launen vermissen. Sein sparsames Lächeln an guten Tagen. „Zukunft“, sagte er, „Zukunft ist in etwa so, wie wenn du die Tiefsee beschreiben möchtest. Du kannst nur ahnen, was dort unten ist. Vielleicht wird man einmal wissen, was sich dort unten befindet. Dann, wenn man es weiss, kann es nur die Hölle, das Ende, der Tod sein.“   Bei den Jenny-Stories gibt es selten ein Happy End, aber die Hoffnung auf eine Zukunft bleibt immer erhalten.

„Die Ankunft der Nacht“ von Matthyas Jenny, 50 Stories im Maro Verlag Augsburg 2014, 242 Seiten: kann auf bachletten.ch bestellt werden.

Teil 1 der Trilogie: Liebeserklärungen an Basler Autoren

Teil 2 der Trilogie: Liebeserklärungen an Basler Autoren

 

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