Reiseabenteuer

Reiseleben und Lebensreise der Nadine Hudson

Die Sommerferien sind vorbei, die Koffer und Reisetaschen bereits wieder auf dem Estrich verstaut. Doch leider ist es mit den Ferien so eine Sache, denn sie sind wie Zucker, und man will immer mehr davon. Ferien entfachen das Fernweh und die Lust auf Freiheit und Abenteuer. Nichts hilft gegen diese Reisesehnsucht besser als Reisebücher. Darum gibt es heute auf Freitagsbloggers einen etwas unkonventionelleren Lesetipp. Und zwar hat Nadine Hudson, die Webseitendesignerin von Freitagsbloggers, ein autobiografisches Reisebuch geschrieben und im Selbstverlag herausgebracht – was übrigens genau so mutig und bewundernswert ist, wie die vielen verrückten Reiseabenteuer, auf die sie sich eingelassen hat! In über sieben Jahren bereiste Hudson fast sechzig Länder auf vier Kontinenten. Als junge Frau reiste sie unter anderem nach Indien, um ihrer Essstörung zu entfliehen und Selbstvertrauen zu tanken. Dabei liess sie sich treiben: „Ich hatte in Trivandrum einen Bus bestiegen, ohne zu wissen – wie ich das öfters tat – wo meine Endstation sein würde. In Verkala beschloss ich spontan, auszusteigen. Ich tat, was ich bei einer Ankunft immer tue, legte den Rucksack auf den Boden und setze mich darauf. Erst einmal angekommen, Ruhe finden und überlegen. Ohne Reisehandbuch unterwegs, verliess ich mich auf Tipps von anderen und auf Schlepper an Bushaltestellen.“ Nach einigen Monaten trifft sie in Kotchi den Engländer Michael, der ihr bereits am ersten Tag einen Heiratsantrag macht. Sie bereisen zu zweit zwei Jahre lang Asien, machen aber auch noch einen Abstecher nach Südafrika. Als Nadine schwanger wird, kehrt das Paar in die Schweiz zurück und lässt sich auf einen festen Familien- und Arbeitsalltag ein. Aber bereits nach ein paar Jahren packen die Hudsons wieder ihre Rucksäcke und reisen mit ihren beiden Söhnen nach China, wo Nadine Englisch unterrichtet und Michael beim Umbau eines Hostels hilft. Als das Angebot kommt, ein Hotel zu leiten, nehmen sie die Herausforderung an und erleben hautnah die chinesische Kultur mit all ihren Tücken. Nadine unterrichtete während dieser Zeit ihre Söhne zu Hause; sie wurde zu ihren Erfahrungen mehrmals interviewt, unter anderem auf Radio SRF1.

Auf dem Weg zum Einkaufen China 2009 als Hotelmanager mit den Jungs

Schräge Backpackergeschichten

Ihre Reisegeschichten erzählt Nadine Hudson frei heraus, in einer schnörkellosen Sprache in der Ich-Perspektive. Sie sitzt am Sterbebett ihres Stiefvaters und erinnert sich an ihre Reise und an ihre Bulimie-Therapie in der Psychiatrie zurück. Trotzdem ist das Buch kein Egotrip. Denn Nadine geht es vor allem um ihre Reiseerfahrungen und die Menschen mit denen sie in Kontakt kommt. Dabei reflektiert sie sehr viel übers Reisen im Allgemeinen. Das ganze Buch verschmilzt dadurch zu einer Art Lebensreise-Reiseleben. Dabei ist sie auch selbstkritisch. Und genau das hat mich fasziniert. Denn Hudson ist sich immer bewusst, dass sie eine soziale Verantwortung hat. Sie weiss, dass es kulturelle Schranken gibt, und dass man beim Reisen das Leben der Einheimischen positiv oder negativ beeinflussen kann. Wie alle Reisenden ist sie ab und zu übers Ohr gehauen worden: „Wir waren darauf bedacht, uns anzupassen, aber das hiess nicht, uns alles gefallen zu lassen. Zuhause waren die meisten meiner Reaktionen vom Bauchgefühl gelenkt, was recht gut funktionierte. In fremden Kulturen jedoch war mein inneres Gefühl öfters ein Affront gegen örtliche Verhaltensregeln.“ Nadine spricht über die „Bananenpancake-Mentalität der Rucksackhippies“, über Kiffer, erzählt von Aussteigern, von hilfsbereiten und gastfreundlichen Einheimischen, aber auch von Abzockern und Kleinkriminellen. Sie beschreibt sehr gut die Ambivalenz und Ohnmacht, die man beim Reisen in Entwicklungsländern empfindet. Nadine und Michael reisen auch mit anderen zusammen oder in Gruppen. Sie freunden sich mit Einheimischen an, oder besuchen einen Engländer und ehemaligen Geschäftsmann im Bang Kwang Central Prison in Bangkok, der wegen eines Drogendeliktes angeblich unschuldig einsitzt. Viele der schrägen Geschichten, erinnern mich an meine eigenen „Trampererfahrungen“ in den 90er-Jahren: Gefährliche Bus- oder wilde Rischkafahrten, Ausflüge auf Longbooten, Krankheiten, Reinigungsschweine vor Toiletten, finanzielle Engpässe und endlos langes Warten auf das nächste Verkehrsmittel, das einen ans nächste Ziel brachte. Auch an alle diese Übernachtungen in billigen Hostels, ehemaligen Kuhställen, in Schlafsälen, im Bordell, Zelt, oder am Strand, wo man mit fetten Ratten oder grossen Spinnen konfrontiert wurde. Denn das Reisen musste ja günstig sein, damit man möglichst lange unterwegs sein konnte. Und: „Zudem entsprach das Reisen in der günstigen Klasse mehr unserer persönlichen Natur als die teuren Optionen: Wir mochten das einfache Leben und die Menschen, denen wir begegneten.“ Nadine und Michael nahmen sich beim Reisen viel Zeit. „Es war herrlich um des Reisens willen zu reisen und nicht um ein Ziel zu erreichen oder einer Mission wegen. Es gab keinen anderen Grund für unsere Entscheidungen als der, unserer Intuition zu folgen.“

Leben in einer Jurte Mongolei 2007
Leben im Lehmhaus mit einer kirgisischen Familie am Karakulsee in China 2006

 

Rohstoff einer passionierten Globetrotterin

„wegwünschen“ habe ich in einem Zuge durchgelesen. Und das, obwohl ich zu den literarischen Snobs gehöre, welche die Nase rümpfen, wenn ein Buch im Selbstverlag erscheint. Ausserdem war ich sehr skeptisch wegen des etwas kindlich anmutenden Einbandes und des wenig ansprechenden Titels. Und so bin ich dann auch wirklich über ein paar Komma- und Grammatikfehler gestolpert, da das Buch nicht professionell lektoriert wurde. Der Lesestoff ist darum ein Rohstoff, der einen vor Augen führt, wie ein Buch aussieht, wenn es nicht von einem Verlag aufgemotzt worden ist. Nadine zeigt sich ungeschminkt und dabei wirkt ihre Reisegeschichte authentisch und ehrlich. Das Buch sollte darum wie ein Blog oder eine persönliche Reisereportage gelesen werden. „wegwünschen“ ist sehr lesenswert, denn die schrägen Reisegeschichten bringen einen immer wieder zum Staunen, aber auch zum Schmunzeln. Es ist beeindruckend, wie viel diese Globetrotterin – und sie ist eine der wenigen, die diesen Namen auch wirklich verdient – auf sich genommen hat, um ihren Reisetraum zu leben: „Wir standen am Strassenrand, irgendwo in Afrika und warteten auf irgendetwas, das irgendwann kommen würde. Schwarz-weisse Krähem krächzten hoch am Himmel. Es gab weder Probleme von Gestern noch die Verpflichtungen von Morgen. Einfach warten. Niemand wusste, wer wir waren, wir wussten es selbst nicht so genau….Ein grossartiges  Gefühl von Abenteuer und Freiheit. War das das pure Glück, das ich so lange gesucht hatte?“

„wegwünschen“ von Nadine Hudson, Books on Demand, ISBN 9783743119055, 2. Auflage Dezember 2016, 468 Seiten, Preis ca. 28.70 Franken, bestellbar auf Amazon oder ExLibris, https://wegwuenschen.ch/

Nadine Hudson: ist neben Globetrotterin, Mutter und Studentin auch Webseitendesignerin: https://hudsonconnect.ch/ und Bloggerin https://gfreut.ch/

Nadine Hudson ist am 22.9. und am 29.9. übrigens auf Tele 1 zu sehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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