Unterwegs

Neufundländische Erfrischungsliteratur

«Die geheimnisvolle Kraft, die Knoten angeblich innewohnt…kann schädlich, aber auch siegreich sein.» In «Schiffsmeldungen» beginnt jedes Kapitel mit einem Zitat aus dem Ashley-Buch der Knoten oder dem Schiffslexikon. Knoten halten Dinge fest, müssen aber auch gelöst werden. Und so dienen Knoten im Roman von Annie Prolux als doppeldeutige Metaphern für die Verstrickungen und Verwirrungen des Lebens, für den Wunsch der Protagonisten nach Halt, Sicherheit und Liebe. So auch bei Quoyle, einem rothaarigen, übergewichtigen, drittklassigen Zeitungsreporter, dessen sexsüchtige Ehefrau bei einem Autounfall stirbt. Fast gleichzeitig geht sein Vater in den Freitod und hinterlässt ihm die Asche mit dem brieflichen Auftrag, sie in Neufundland in die rauhe See zu streuen. Die Rettung kommt durch Tante Agnis, einer Schiffspolsterin, die ihn überredet mit ihr und den Kindern nach Neufundland zu reisen, um dem Elend der Trauer zu entfliehen.

 

Schiffsunfälle, Piraten und gelöste Knoten

Quoyle findet eine Anstellung in Killik Claw beim Regionalblatt, Gammy Bird, einer kleinen Zeitung, die vorwiegend über Autounfälle, sexuellen Missbrauch, Vogelhausgrundrisse oder gute Rezepte schreibt. Er übernimmt dort die Rubrik Schiffsmeldungen. Zu Beginn berichtet er über alle Schiffe, die in den Häfen ein- und auslaufen. Er schreibt aber bald mehr, auch über die Folgen der Ölverschmutzung durch die Bohrinseln. Dies gefällt dem Zeitungsbesitzer Billy, der ihm darum den Auftrag erteilt, Schiffskolumnen zu schreiben. Quoyle berichtet aber auch regelmässig über Schiffsunfälle – über «Blut, Boote und Bruchstücke». Zusammen mit der Tante renoviert er das alte Haus seiner Vorfahren, allesamt Piraten und Rohlinge. Es ist das Haus, das die Quoyles angeblich mit Seilen über die Eisschollen zogen, als sie von der Guckinsel vertrieben wurden, weil sie dort ihr Unwesen trieben. Das Holzhaus ist an Drahtseilen vertäut und thront auf einem Felsen am Capsize Cove, «am Rand des Höllenschlunds», wo zehn Meter «hohe Brecher flaschenfarben auf Stein donnern und Blasen in einen mahlenden Milchsee mit Sahnehauben» treiben. Quoyle kauft sich ein Motorboot und lernt die unberechenbare See und die wüsten Geheimnisse seiner Vorfahren kennen. Er trifft auf Wavey, die eine gute Haltung, eine klingende Stimme und rauhe Hände hat, und die «im Einklang mit der Zeit und dem Ort» lebt. Quoyle und seine beiden Töchter finden Freunde und letztendlich ein neues Zuhause in einer Einöde, die genauso zerklüftet und verlassen ist, wie Quoyles Seele. Die «Knoten seiner Vaterschaft» lösen sich und «alle verwickelten Lebensdrähte waren herausgerissen und er konnte das Grundmuster des Lebens sehen.»

 

Naturgewaltige Sprachbilder

Annie Prolux packt in ihren Roman eine Vielzahl an tragischen Geschichten. Sie schreibt dabei übers Fischen und den schwindenden Fischbestand, über Boote und den Schiffsbau, die Umweltverschmutzung und die schwierigen Lebensbedingungen der Neufundländer, die kaum Arbeit finden. Dazu recherchierte die amerikanische Autorin unter anderem bei der kanadischen Küstenwache, bei Schiffspersonal, Fischern und Holzfällern, beim Wetterdienst der kanadischen Umweltschutzbehörde und in der Hafenspelunke «Gunner’s Cove». Der rote Faden des Romans ist der Lokaljournalismus und die Redaktionsarbeit des Gammy Bird. Quoyle lernt, gut zu schreiben und formuliert immer wieder Headlines in seinem Kopf, wenn er in unmögliche Situationen gerät; diese selbstironischen Schlagzeilen sind überaus witzig. Die Erzählung windet sich entlang von «rissigen Strassen» und «dem brandenden, geronnen Meer, das wie eine «Schwingtür aufgeht, zugeht, aufgeht», wo der Blick frei wird auf Buchten mit «Schaumkronen wie Maden in einer Wunde». Sie tobt durch Schneestürme mit «Schneeflocken wie Federn des Teufels» oder durch «Nebel so dick wie Abfallbaumwolle» und unter einem Himmel «mit zerrissenen Fetzen frühmorgendlicher Wolken in der Form und Farbe von Lachsfilets». Dabei liefert die Naturgewalt der Felseninsel eine unerschöpfliche Kulisse für die ausgefallenen Sprachbilder der Autorin, welche einerseits als Stimmungsmetaphern dienen, andererseits die Charakteren der Protagonisten lebendig werden lassen. Und diese Sprachbilder ziehen wundersame Fäden von feinem Humor und bringen die Geschichte zum Glänzen.

 

Kühler Zufluchtsort und Reisebegleiter

Zuflucht findet man bei all dem Unwetter in Hafenspelunken mit Namen wie «Grudge’s Cod» oder Bawk’s Nest» oder in heruntergekommenen Motels wie dem «Sea Gall», wo Kalmarburger, Truthahnsuppe, Muscheln oder Fischköpfe serviert werden. Und eigentlich ist der ganze Roman ein einziger Zufluchtsort, denn nach ein paar Dutzend Seiten möchte man als Leser am liebsten ins nächste Flugzeug steigen und nach Neufundland fliegen, um mit dem Prolux-Kosmos zu verschmelzen. Denn Annie Prolux, die bekannte Autorin von Brokeback Mountain, schreibt sehr detailgenau und liebevoll und schafft dadurch für den Leser eine Wohlfühlatmosphäre. Kein Wunder wurde das Buch mehrfach preisgekrönt, unter anderem mit dem Pulitzerpreis, der in der englischen Literatur ja fast immer ein Garant ist für lesenswerte Literatur. Sehr empfehlenswert ist auch die Verfilmung des Romans mit Judi Dench, Julianne Moore und Kevin Spacey in den Hauptrollen. Ob Buch oder Film, «Schiffsmeldungen» ist total erfrischend und kühlt wunderbar während drückend heissen Sommertagen. – P.S. Die leineneingefasste Sonderausgabe passt in jeden Reiserucksack und auch in kleine Handtaschen. Und den Schluss habe ich übrigens elfmal gelesen, weil er so unglaublich schön geschrieben ist.

 

«Schiffsmeldungen» von Annie Prolux, übersetzt aus dem Amerikanischen von Michael Hofmann,   btb Verlag – Verlagsgruppe Random House, einmalige Sonderausgabe, München, Juli 2012, 600 Seiten, 16.90 Franken, ISBN 978-3-442-74443-5

«The Shipping News» Originalausgabe by Scribner’s New York, 1993

 

Auch von Annie Prolux ist „Ein Haus in der Wildnis“, hier auf Freitagsbloggers die Buchkritik von Jana Kilchemann.

 

  1. Antonia Jenal

    Liebe Dominique, wir haben Dich und die Freitagsbloggers sehr vermisst! Schön, dass Du wieder da bist!
    Und gleich mit voller Wucht! Man sieht das tobende Meer, man riecht den Fischgeruch, man spürt das Prickeln des Meerwassers auf der Haut, den Wind und die Sonne im Gesicht. Dein Bericht macht Lust abzutauchen mit dem Buch, nach Neufundland zu reisen und sich den tobenden und heilenden Naturkräften hinzugeben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: