Unterwegs

Seelenwärmer-Literatur

Im Januar fuhr ich zur Kur. Die Landschaft war dick eingeschneit und beim Wandern knirschten meine Schuhsolen auf den frisch gestampften Schneepfaden. Im Ruheraum des Kurhauses fand ich dann zufällig eine Leselektüre, die perfekt zur Winterstimmung passte und mich bewegte; ein dünnes Büchlein mit einer Wirkung wie ein Seelenwärmer. So wohltuend wie ein paar Erholungstage in den Bergen.

In diesem Büchlein beschreibt der österreichische Autor Robert Seethaler auf nur 174 Seiten „ein ganzes Leben“. Mit wenigen Sätzen und wenigen Worten erzählt er aus dem harten und bescheidenen Leben von Andreas Egger, einem Gelegenheitsarbeiter, Knecht, Holzhauer und Seilbahnbauer, der Schicksalsschlägen und Naturelementen gleichermassen trotzt und am Ende seines langen Lebens eine positive Bilanz zieht: „Er hatte seine Kindheit, und eine Lawine überlebt. Er war sich nie zu schade für die Arbeit gewesen, hatte eine übersichtliche Anzahl von Löchern in den Fels gesprengt und wahrscheinlich genug Bäume geschlagen, um mit ihrem Holz einen Winter lang die Öfen einer ganzen Kleinstadt zu heizen. Ein Mann, der oft sein Leben an einen Faden zwischen Himmel und Erde gehängt hatte und in seinen letzten Jahren als Fremdenführer mehr über die Menschen erfahren hatte, als er begreifen konnte.“ Schritt für Schritt beschreibt Seethaler die Lebensstationen von Egger in einem kleinen Bergdorf in den österreichischen Alpen. Dabei führt er uns auch in den Stall, auf die Almen, auf Geröllhalden, in die Schneisen der Seilbahn oder ins Wirtshaus. Und so nähern wir uns langsam, aber sicher der Seele des hinkenden Egger, der als Waisenknabe von seinem Onkel misshandelt wurde und viele Narben an den Händen und Beinen trägt – die Spuren von Lieblosigkeit und harter Arbeit. Doch der beklagt sich nicht und arbeitet immer weiter. Trotz Todesfällen, die den Geruch des Frühlings überdecken, während sich Schneeflocken auf die Felsen und die satten grünen Wiesen senken. Denn der Wind trocknet den Schweiss auf seiner Stirn und die Sonne wärmt die Steinbrocken um ihn herum. Die Natur birgt in dieser Geschichte eine wunderbare Heilkraft und wird zum tröstenden Zufluchtsort, nicht nur für Egger, sondern auch für den Leser. Trotzdem wundert man sich bisweilen, wie tapfer und zufrieden der kantige Bergler sein Leben fristet. Denn selbst die Liebe ist ein Schmerz, der «nach einer flüchtigen Berührung mit einer Stofffalte in das Fleisch seines Oberarms, seiner Schulter, seiner Brust gesunken war und sich schliesslich irgendwo in Höhe des Herzens festgesetzt hatte“. Beim Lesen hüllt uns die dichte und allesumschreibende Sprache von Seethaler ein wie der Winter, der sich übers Tal legte. Denn Seethaler schreibt sich durch dieses Buch in der gleichen Art, wie Egger sich durchs Leben bewegt, nämlich stark und langsam: „Er dachte langsam, sprach langsam und ging langsam, doch jeder Gedanke, jedes Wort und jeder Schritt hinterliessen ihre Spuren, und zwar genau da, wo solche Spuren seiner Meinung nach hingehörten.“

«Ein ganzes Leben» von Robert Seethaler, Wilhelm Golmann Verlag, 2016, 10. Auflage Taschenbuchverlag, ISBN: 978-3-442-48291-7

Robert Seethaler ist 1966 in Wien geboren. Seine Romane «Der Trafikant» und «Ein ganzes Leben» standen monatelang auf der Bestsellerliste.

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