Unterwegs

Krimireise durch Namibia

Ein absolutes Must für Namibia-Reisende, ganz besonders aber für alle Möchte-Gern-nach-Namibia-Reisende ist der politische Kulturkrimi „Steinland“ von Bernhard Jaumann. Dabei geht es natürlich in erster Linie um einen Mord, aber auch um die Landreform und nicht zuletzt um die namibischen Eigen- und Gepflogenheiten.

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„Wer hatte Gregor Rodenstein getötet? Und warum? Es musste mit dieser gottverlassenen Farm zusammenhängen, mit diesem steinigen, trockenen Land, das einer von Rodensteins Ahnen vor hundert Jahren erworben hatte und das der Familie jetzt weggenommen werden sollte. Ein Stück Land, das unter Stammesrecht, unter den Gesetzten des deutschen Kaiserreichs, der südafrikanischen Republik und des unabhängigen Namibia nicht mehr und nicht weniger steinig gewesen war.“ Dies sind Clemencia Garises Gedankengänge, als sie versucht, den Fall Rodenstein zu lösen. Wer ihre Fragen beantwortet haben möchte und sich ausserdem für die Kulturgeschichte Namibias interessiert, kann sich an die Fersen der Kriminalkommissarin heften. Denn Clemencia Garises muss nicht nur einen Mordfall und eine Entführung aufklären, sondern auch gleich noch die Machenschaften von Minister Shilongo aufdecken, ihren jüngeren Bruder Melvin suchen und dabei auch noch ihre beiden verrückten Tanten Miki Matilda und Miki Selma kontrollieren, die gerne ihre Zaubersprüche und Hexenflüche verbreiten. Dazwischen stiehlt sie sich Zeit für ihren Freund Claus Tiedtke, einen Journalisten der Allgemeinen Zeitung, der ihr ab und zu bei den Vermittlungen einen Schritt voraus ist. Claus lebt wegen Clemencia in Katutura, einem Township ausserhalb von Windhoek, das während der südafrikanischen Apartheit entstanden ist. Der Leser erhält dadurch einen interessanten Einblick ins Leben der schwarzen Bevölkerung und sieht so nicht nur in ihre Hütten hinein, sondern auch in ihre Köpfe. Dabei verfolgt man als Leser auch das bunt gemischte Team der Serious Crime Unit und donnert in klapprigen Autos durch karge Wüstenlandschaften vorbei an Kudus, Springböcken, Rappenantilopen oder Schakalen. Man erlebt die eisige Morgenkälte, die staubige Mittagshitze, helle Mondnächte und unendliche Sternenhimmel. Unterwegs prallt die Mentalität der schwarzen Bevölkerung regelmässig auf die Überheblichkeit der deutschstämmigen Einwanderer. Als Leser merkt man schon nach den ersten paar Seiten, dass in Namibia das Leben etwas anders tickt als bei uns. Und dass nichts so ist, wie es auf den ersten Blick aussieht.

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Unterwegs im „Bakki“ auf einer Sandpiste durch Damaraland

Bernhard Jaumann erklärt in „Steinland“ den Lesern Namibia und sorgt gleichzeitig mit einer knackigen Sprache für viel Unterhaltung und Spannung und das bis zu den letzten Seiten. Dabei gelingt es ihm, sowohl die Situation der schwarzen Bevölkerung, als auch die Lage der privilegierten deutschstämmigen Farmer zu schildern. Er beleuchtet den Rassismus und die daraus entstandenen Vorurteile und erklärt, warum die Probleme in diesem Land nur schwierig zu lösen sind. Geschichtlich aufschlussreich ist dabei die Familiengeschichte der Rodensteins, die in kursiven Abschnitten immer wieder in die Erzählung rund um den Mordfall eingeschoben ist. Kapitel gibt es keine; braucht es auch nicht, denn man kann diesen Namibia-Krimi in einem Zuge verschlingen. Der deutsche Autor Bernhard Jaumann hat selber ein paar Jahre in Namibia gelebt. Im Buch spürt man sehr gut, dass ihm dieses südwestafrikanische Land ans Herz gewachsen ist. Und wahrscheinlich ist ihm darum mit „Steinland“ ein namibischer Kulturkrimi vom Feinsten gelungen: eine differenzierte Pychoanalyse eines Landes, das versucht seine koloniale Vergangenheit zu verarbeiten und nach Lösungen für eine bessere Zukunft zu suchen.

 

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„Steinland“ von Bernhard Jaumann, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2012, 312 Seiten, Preis 14.90 Franken – Wer „Steinland“ liebt, kann auch noch die beiden andern Namibia-Krimis der Clemencia Garises-Trilogie lesen: „Geiers Mahlzeit“ von 2008 und „Stunde des Schakals“ von 2010.

 

Der 59-jährige Erfolgsautor Bernhard Jaumann ist ein Vielschreiber und hat insgesamt 12 Romane und Kriminalromane geschrieben. Er wurde gleich zweimal mit dem Friedrich Glauser Preis ausgezeichnet: 2003 mit seinem kulinarischen Krimi „Saltimbocca“ und 2008 für den Kurzkrimi „Schnee an der Blutkuppe3“. Seine Spezialität sind Serien. Die Reihe der fünf Sinne ist im Aufbau Taschenbuch Verlag zwischen 2004 -2009 erschienen mit betörenden Titeln wie „Saltimbocca“ „Duftfallen“Handstreich“, Hörsturz“, „Sehschlachten“. Für Italienfans geeignet ist die Montesecco-Trilogie von 2007-2008, die auch im Aufbau Taschenbuchverlag erschienen ist und deren Kriminalfälle sich in einem italienischen Bergdorf abspielen mit eindeutigen Titeln wie „Die Vipern von Montesecco“, „Die Drachen von Montesecco“ und „Die Augen der Medusa“.“

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