Biografien

Die Traumwerkstatt von Kerala

Für einmal geht es auf Freitagsbloggers nicht um einen literarischen Lesetipp, sondern um ein Buch „…für alle, die sich mit der Welt, wie sie ist, nicht abfinden können“: es geht nämlich um „Die Traumwerkstatt von Kerala“. Die Neuerscheinung der blinden Entwicklungshelferin Sabriye Tenberken ist seit September im Buchhandel erhältlich. Es ist eine Mischung aus Erlebnisbericht, Autobiografie, Sachbuch und Ratgeber und berichtet über den Aufbau und das Konzept des kanthari-Instituts in Kerala, ein Trainingszentrum für soziale Visionäre aus aller Welt mit dem Motto: „Die Welt verändern – das kann man lernen“. Tönt gut, aber: ist es wirklich möglich, die Welt zu verändern? Und vor allem wie?

Sabriye Tenberken ist eine deutsche Abenteuerin, die mit 26 Jahren nach Tibet reiste und in Lhasa eine Schule für blinde Kinder gründete. 2000 schrieb sie darüber den Bestseller „Mein Weg führt nach Tibet„, der in 13 Sprachen übersetzt wurde.  Die Tibetologin, Soziologin und Philosophin, die sich das Recht erkämpfte „blind zu sein, ohne behindert zu werden“, ist zurzeit in Deutschland mit ihrem neusten Buch „Die Traumwerkstatt von Kerala“ auf Lesereise. Letzte Woche war sie ausserdem mit ihrem holländischen Partner Paul Kronenberg im ZDF bei Volle Kanne zu Besuch.
Die Fünfundvierzigjährige ist also kein unbeschriebenes Blatt. Im Gegenteil, am 8. Oktober wurde sie bereits zum zweiten Mal in die Sendung „Aeschbacher“ bei SRF eingeladen. Und das ist wirklich ungewöhnlich, insbesondere auch, weil Kurt Aeschbacher ein paar Tränen verdrückte. Was aber fasziniert die Menschen so sehr an dieser enthusiastischen Sozial-Aktivistin?

Auskunft darüber gibt das Buch „Die Traumwerkstatt von Kerala“, das Tenberkens Lebensphilosophie – Hindernisse sind dazu da, um überwunden zu werden – widerspiegelt. Es enthält eine Zusammenfassung ihrer Lebenserfahrungen und beschreibt die mit vielen Preisen ausgezeichneten Entwicklungsprojekte, die sie zusammen mit Paul Kronenberg in den letzten 17 Jahren aufgebaut hat. In 28 Kapiteln veranschaulicht Sabriye Tenberken das Prinzip einer intrinsischen Entwicklungshilfe und portraitiert kanthari-Absolventen, die aus der eigenen Betroffenheit heraus ihren Leidensgenossen helfen. Parallel dazu beschreibt sie anhand ihrer eigenen Biografie, wie und warum sie selber zu einer Entwicklungshelferin wurde.

„Nur nicht die Wut verlieren“

Das siebenmonatige kanthari-Ausbildungsprogramm ist für Menschen gedacht, die „aus eigener innerer Motivation soziale Veränderungen bewirken, Menschen aus Randzonen der Gesellschaft, die aus der Erfahrung erlittenen Elendes heraus handeln. Nicht einfach nur Grossmut, Mitleid oder ein karitatives Ideal sind ihre Motivation, sondern auch Leidenschaft, existentielle Not und konstruktive Wut.“

„Nur nicht die Wut verlieren“ lautete darum Tenberkens ursprüngliche Titelidee. Eindrücklich schildert die Autorin, wie sie als Kind an einer Augenkrankheit erblindet ist und selbst erfahren hat, wie man als ausgegrenzter Mensch Schritt für Schritt seine Scham- und Minderwertigkeitsgefühle in konstruktive Wut verwandeln kann. Diese Erkenntnis gewann sie bereits mit 12 Jahren, als sie die Biografie der schwarzen Sozialaktivistin Angela Davis las. Dabei fasste sie den Entschluss: „Ich musste mein Leben ändern. Ich musste es aktiv in die Hand nehmen. Nur indem ich meinem Leben als Sehende nicht mehr nachtrauerte, konnte ich mich auf die Vorzüge der Blindheit konzentrieren.“ Und das ist natürlich eine aussergewöhnlich starke Aussage eines erblindenden Kindes. Ihr zweites Schlüsselerlebnis verdanke sie dem Buch „Der Mann, der seine Frau mit seinem Hut verwechselte“ des Neurologen Oliver Sacks. „Oliver Sacks säte in mir den Gedanken, Blindheit als kuriose, aber doch lebenswerte Eigenschaft zu akzeptieren.“

Geprägt wurde Tenberken auch durch die unkonventionellen Lehrmethoden an der Carl-Strehl-Schule in Marburg, einem Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte. Sie beschreibt in einem Kapitel, wie sie im Internat Kanufahren lernte und wie ihr das später immer wieder geholfen hatte, Ängste zu überwinden, Selbstvertrauen aufzubauen und Herausforderungen aller Art zu bewältigen.

Sabriye Tenberken ist überzeugt, dass Kinder, die ausgegrenzt werden und früh auf sich selber gestellt sind, wie blinde Kinder in Tibet , Aidswaisen, Albinos oder Kriegsopfer in Afrika, später gewillt sind, etwas zu wagen, um gegen schreckliche Zustände zu kämpfen. Wie beispielsweise die Afrikanerin Monicah, die gegen die Genitalverstümmelung von Frauen demonstriert. Darum trägt das Institut den Namen „kanthari“, denn Sozialunternehmer sollen durch ihre Wut scharfzüngig sein und schwer zu bändigen wie eine Kanthari, eine extrem scharfe Chilischotte, die nur in der Wildnis Südindiens wächst und in Kerala auch als Schimpfwort benutzt wird für aufmüpfige Kinder, die sich der Autorität widersetzen.

„Scheitern als Option“

Die beiden kanthari-Gründer Sabriye Tenberken und Paul Kronenberg haben sämtlichen Widerständen getrotzt, um 2005 das kanthari-Institut in Südindien eröffnen zu können. In einem aufschlussreichen Kapitel beschreibt Tenberken, wie sie gegen „Bremser, Trittbrettfahrer und Hijacker“ angekämpft haben. Sie erzählt von den „Blockierern“ – Entwicklungshelfer, Diplomaten, Manager, Berater – die grosszügig ihr Expertenwissen zur Verfügung stellen und dann aber durch wohlgemeinte Ratschläge, wie „kleinere Brötchen zu backen“, „nicht nach den Sternen zu greifen“ und „schön auf dem Teppich zu bleiben“ zu „Bremsern“ und „Bedenkenträgern“ werden. Dies steht im Widerspruch zum Konzept der „Dream Factory“, wo Menschen lernen, ihre Zukunftswünsche und Visionen trotz vieler Risiken in die Praxis um zu setzen.

In ihrem vierten Buch schreibt Tenberken bewusst über erlittene Rückschläge aller Art, wie beispielsweise beim Aufbau der Blindenschule in Tibet 1999, als sie zusammen mit Paul Kronenberg und sechs blinden Kindern in Lhasa bei minus 20 Grad auf der Strasse landete, weil es Konflikte gab mit der Heimleiterin, die Spendengelder unterschlug. Anhand der Leidensgeschichte ihres Partners, dem unerschütterlichen Optimisten und Techniker, der als Jugendlicher unter schwerwiegenden Hautproblemen litt, beschreibt die Autorin „wie ein Mensch aus Schicksalsschlägen Antriebskraft und Durchhaltevermögen gewinnen kann“.

Gebrauchsanleitung zur Weltverbesserung

„Die Traumwerkstatt von Kerala“ ist eine abwechslungs- und temporeiche Leselektüre. Die einzelnen Kapitel können wie Kurzgeschichten gelesen werden und bilden zusammen  einen dicken Geschichtenteppich. Die Erzählung ist jedoch nicht chronologisch aufgebaut und so pendelt denn der Leser kreuz und quer zwischen Südindien, Deutschland, Zentralafrika und Tibet hin und her. Denn die Querdenkerin  lässt sich nicht in starre Strukturen pressen oder schubladisieren. Und genau so liest sich denn auch ihr Buch: wie eine wilde Reise durch Zeit und Raum mit Heldengeschichten vor Augen, die gar nicht kitschig sind, sondern schockieren und unter die Haut gehen. Man erträgt sie nur, weil die deutsche Idealistin immer auch über die Hilfsprojekte erzählt, welche diese Überlebenskünstler sozusagen aus der Not heraus erschaffen haben.  Dabei bleibt die Autorin sachlich und  hält sich an die Fakten. Und genau darum ist das Buch auch eine wertvolle Lektüre für Kritiker der „Entwicklungshelfer-Industrie“.

Das Buch liest sich leicht, denn die Autorin wechselt ab und zu mal ins szenische Präsens und lässt die Protagonisten meist in der direkten Rede sprechen und erzeugt damit viel Nähe und Spannung. Die eigentliche Faszination dieser Erzählung ist jedoch, dass einem die Autorin in ihre Welt mitnimmt; eine Welt, die man durch die Augen einer blinden Visionärin erleben kann, die mit dem Langstock, viel Dickköpfigkeit und Intelligenz sämtliche Herausforderungen bewältigt und dabei allen vormacht, wie man die Welt jeden Tag ein klein wenig verändern kann.

Ihr Buch ist denn auch nichts anderes als eine Gebrauchsanleitung zur Weltverbesserung.

Sabriye Tenberken mit ihrem speziellen Braille-Computer für Blinde, dem
Sabriye Tenberken mit ihrem Braille-Computer für Blinde, dem „Pronto“: Er ist klein und daher kann sie überall an ihren Büchern schreiben, sogar im Stehen in der Warteschlange im Flughafen und natürlich auch im Dunkeln.

Die Traumwerkstatt von Kerala, Die Welt verändern – das kann man lernen von  Sabriye Tenberken, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2015, 267 Seiten, mit Farbfotos, 27.20 Franken, ISBN 978-3-462-04717-2

Weitere Bücher von Sabriye Tenberken:
Das siebte Jahr, 2008
Mein Weg führt nach Tibet, 2000
Tashis neue Welt, 2000

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