Biografien

Pacific Avenue

Noch nie hab ich mich so auf den Herbst gefreut. Und jetzt ist er da und mit ihm der druckfrische Fortsetzungsroman von Script Avenue. Endlich kann ich meine Nase in die lang ersehnte Pacific Avenue stecken und Claude Cueni im Nebel medikamentöser Nebenwirkungen auf eine wilde Reise in die Philippinen begleiten und mit Friedrich Magellan um die Welt segeln. Cuenis zweiter autobiographischer Roman wurde sowohl von Fans, als auch vom Literaturbetrieb mit Spannung erwartet: Kann Pacific Avenue den hohen Erwartungen gerecht werden?

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Der Stoff aus dem die Träume sind

Claude Cueni ist zurück – „back on track“. Und so liest er denn auch im Thalia Buchladen in Basel aus seinem neusten autobiografischen Roman Pacific Avenue: mit ausdrucksstarker Stimme mimt er die Dialoge zwischen Onkel Arthur und sich. Dabei kann er ganze Passagen auswendig und spricht frei ins Publikum: ein purer Hörgenuss. Wenn Cueni liest, erwachen die Geister aus Pacific Avenue und bringen die Zuhörerinnen und Zuhörer zum Lachen. Denn Cueni hat Galgenhumor, einen Galgenhumor, wie ihn nur schwerkranke Menschen haben, die das Leben zelebrieren. Warum will Cueni überhaupt weiterleben nach sechs Jahren Kampf gegen die Leukämie, Schmerzen und Leiden? Cueni schreibt in mehr als einem Abschnitt, dass er sich mit dem Freitod und Sterbehilfeorganisationen auseinander gesetzt habe: „Gesunde legen die Latte zum Suizid manchmal ziemlich tief. Wird man ernsthaft krank, verschiebt man sie etwas nach oben und noch etwas nach oben, denn man begreift, dass es keine zweite Chance gibt und dass eine Existenz voller Schmerzen und Einschränkungen immer noch besser ist als keine. Tote trinken im Sommer keine eisgekühlte Cola mehr.“ oder wie er an anderer Stelle schreibt: „Ich lebe sehr gerne und bin jeden Tag neugierig, was in den Zeitungen steht.“

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Cellaris – Co-Autor und Kommandant

Und wie geht es jetzt Claude Cueni? Das wollen alle als Erstes wissen. Seine Leukämie sei im Blut nicht mehr nachweisbar und sein Immunsystem befinde sich in einer Aufwärtskurve, erklärt der Basler Bestsellerautor gleich zu Beginn der Lesung triumphierend, fast trotzig. Denn viele prognostizierten Cueni nach seiner ersten Autobiografie Script Avenue den baldigen Tod. Aber die Cueni-Welt voller Ironien des Schicksals, voller Verrückt- und Abartigkeiten lebt weiter und das energetischer und ungezähmter als zuvor: „Ist der Ruf mal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“, kontert der sexsüchtige Professor Henry in Pacific Avenue, als Cueni ihm beim zufälligen Wiedersehen erzählt, dass er von vielen Frauen immer wieder auf die Hong-Kong Sexszenen in Script Avenue angesprochen werde. Und so schreibt denn der Basler Autor reisserisch, frech und ohne sich zu zieren über alles, was er so erlebt. Jedenfalls lässt er die Leserschaft in diesem Glauben. Denn Cueni ist ein grossartiger Regisseur und weiss genau, wie er die Wünsche seiner Fans erfüllen kann. Er weiss, wie man Spannung erzeugt und wie man unterhält, denn er war früher Drehbuchautor und Werbetexter. Pacific Avenue liest sich denn auch wie eine kunstvolle Mischung aus „La nave va“ von Fellini und „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ von Almodovar , „Tim und Struppi“ und „Asterix & Obelix“, durchzogen mit Wipikedia-artigen Ausschweifungen: Und das alles aus der Nackenbrecher-Perspektive der ersten Sitzreihe eines grossen Kinos, wo die Gesichter der Figuren auf der Leinwand verzogen wirken und das Schauen total anstrengt.

„Take your pill darling“

Cellaris – das ist der hochdosierte Stoff aus dem die Albträume und Halluzinationen von Claude Cueni sind. Es löst die Krämpfe in der Lunge und erleichtert die Atmung. Und dieses Medikament ist sozusagen der Rettungsring, der Cueni helfen soll nach der Knochenmarks-Transplantation, sein Immunsystem wieder aufzubauen und lebenstüchtiger zu werden. „Aber es püriert die Sinne und vakumiert die Seele“. Und so schreibt Cueni denn immer wieder, wenn sein Beyoncé-Weckruf „take your pill darling“ auf dem Handy ertönt: „Cellaris, I hate every inch of you!“ Denn diese Pillen verunmöglichen es dem Schriftsteller, an seinem historischen Roman über die Reise Magellans zu den Gewürzinseln zu schreiben und er hat Angst, dass er seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Und so beschreibt er denn in Pacific Avenue, wie er versucht ein Buch zu schreiben und dabei den Verstand nicht zu verlieren. Die Trinidad – Magellans Segelschiff – wird dabei zum eigentlichen Sinnbild für Cuenis Leidensweg durch seine Immunschwäche: während die Schiffscrew in den Weiten des pazifischen Ozeans unter Stürmen, Hunger und Skorbut leidet, wird Cueni von Muskelkrämpfen und Gelenkschmerzen geplagt. Trotz seines labilen Gesundheitszustandes begleitet er seine Ehefrau in die Philippinen. Cellaris wird dabei ungewollt zu seinem Co-Autoren und „übernimmt das Kommando auf der Brücke zwischen Traum und Wirklichkeit“. Aber auch Cuenis charmante Ehefrau ist auf dieser Reise zu einer wichtigen Co-Autorin geworden; sie liefert den kulturellen Stoff und die philippinischen Familiengeschichten aus Negros und Umgebung, welche diesen Roman ungemein bereichern.

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Figuren-Chats

Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Halluzination und Alltag lösen sich während Cuenis Erzählung komplett auf. Die Segelkarte von Magellan kreuzt sich dabei ständig mit der Reiseroute des Ehepaars Cueni. Was in Cuenis Leben wirklich passiert und was Fiktion ist, das fragen sich wahrscheinlich nicht wenige Leserinnen und Leser. Und diese Vagheit macht denn auch den Sog und das Suchtpotential dieses Romans aus. Cueni ist ausserdem ein Weltmeister, wenn es darum geht, den Leser auf seine Seite zu ziehen. Er spricht ihn immer wieder an, ist im Dialog mit ihm, fast Facebook-mässig. Dadurch entsteht ab und zu ein regelrechter Chat zwischen der magellanschen Segelcrew, den Figuren aus Script Avenue und den Personen aus Cuenis Alltag. Und so droht Cueni ab und zu den nervigen Protagonisten, er werde sie aus dem Script verbannen, wenn sie keine Ruhe geben würden. Diese dichte und vielschichtige Erzählstruktur erzeugt eine grosse Intensität. Insbesondere weil das Figurenkabinett aus der Script Avenue seine Rolle unglaublich aufsässig spielt und diverse Protagonisten extrem irritieren, wenn sie sich in Cuenis chemische Traumwelt verirren. Der Autor selber reist an der Seite des Chronisten Antonio Pigafetta auf der Trinidad mit und erzählt in der ich-Perspektive, was passiert und kommentiert zusätzlich noch was später passieren wird. Dabei beschreibt er seine Überlegungen über das Schreiben und spricht, debattiert oder streitet mit seinen Figuren. Diese äussert kunstvolle und kreative Erzählstruktur allein ist Grund genug Pacific Avenue zu lesen. Andererseits aber auch die grösste Schwäche des Buches. Wahrscheinlich hat Cueni Pacific Avenue bewusst als Fortsetzungsroman geschrieben und nimmt darum laufend Bezug zur Script Avenue; vielleicht aus Rücksicht auf diejenigen, die Script Avenue nicht gelesen haben. Zeitweise wird man als Leser den bestens bekannten Figuren etwas überdrüssig. Dies ist jedoch ein Detail, das in der tropischen Hitze schnell vergessen geht. Denn um mit Claude Cueni unterwegs zu sein und ihn auf seinem wilden Trip zu begleiten, nehmen wir als Fans einiges in Kauf: auch Obszönes, Hässliches, Ekliges, Monströses oder Groteskes. Und genau darum erfüllt Claude Cueni mit seinem neusten Roman einmal mehr die hohen Erwartungen seines Publikums. Am besten liest jedoch jeder selber, wie Claude Cueni mit eitrigen Zehennägeln in die Philippinen reist.

Pacific Avenue von Claude Cueni, 2015 Wörterseh Verlag, 432 Seiten,  21.90 Fr.

 

 

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