Reiseabenteuer

Giganten – Unterwegs in die Welt der Kunst, des Stahls und der Leidenschaften

Über Giganten wurde bereits einiges geschrieben, hauptsächlich positive Bewertungen, die das Buch als unterhaltsamen historischen Abenteuerroman einstufen. Die „Sonntags Zeitung“ bezeichnete Claude Cueni sogar als „Shootingstar auf dem heiss umkämpften Markt historischer Romane“. Und das ist  sicherlich treffend formuliert.

In Cuenis neustem Roman geht es um die grossen Brüche, die sich Ende des 19. Jahrhunderts auftaten. Dabei dreht sich alles um das Zeitalter der Beschleunigung und um den kompletten gesellschaftlichen und kulturellen Wandel, der durch den Bau des Eisenbahnnetzes angeheizt wurde. Ganz in dostojewskischer Manier beschreibt Cueni, wie viele der damaligen Zeitgenossen förmlich überrollt wurden von der Geschwindigkeit der dampfenden Ungeheuer. Wie gewohnt transportiert der Autor seine Geschichte mit Hilfe eines farbigen Figurenkabinetts. Es tauchen im Roman wichtige Zeitgenossen auf wie Victor Hugo, Jules Verne, oder Emmanuel Bovary. Auch Louis Vuitton springt auf den Zug auf, denn „die ganze Welt will Reisekoffer“. Und sie alle treffen sich in den Pariser Salons oder in den Geheimlogen, wie der „Loge du grand Orient: „…die geistige Dampfmaschine, die die Gesellschaft voranbringt…“

Das „Eisenzeitalter“ hat die Welt für immer verändert. Dies hat Gustave Eiffel schnell erkannt. Der Eisenmagier hat weit mehr geschaffen, als den Eiffelturm und hunderte von Brückenkonstruktionen; er hat eine neue Ära eingeläutet. Dabei ging es ihm jedoch nie um seine Mitmenschen, sondern nur um seinen Ruhm und um sich selber.

_DSC9002
Eisenbahnbrücke Ponte Maria Pia in Porto von Gustave Eiffel und Téophile Seyrig, eröffnet 1877

Und während er die Zukunft verkörpert, verharrt der Bildhauer Frédéric Bartholdi in der romantischen Vergangenheit; er malt Portraits, obwohl die Fotografie aufkommt und kreiert gigantische Skulpturen, wie die Freiheitsstatue in New York. Der Roman wird von der Rivalität zwischen diesen beiden Erzfeinden angetrieben: Das einzige, was sie verbindet, ist ihre Obsession, riesige Giganten für die Ewigkeit zu erschaffen. Und das einzige, was sie teilen, ist eine Frau.

Strassburger Denkmal von Frédéric Bartholdi im De-Wett Park in Basel
Strassburger Denkmal von Frédéric Bartholdi in der Elisabethenanlage in Basel seit 1899

Es geht in Giganten ganz offensichtlich auch um das Thema Antrieb. Was treibt die Menschheit an, sich weiter zu entwickeln? Geltungssucht, Ehrgeiz, Gier und die Suche nach Liebe sind es beim Menschen; Stahl und Kohle braucht es für die industrielle Entwicklung. Dem allem liegt ein menschliches Charaktermuster zugrunde, nämlich das Konkurrenzdenken. Cueni widerspiegelt dieses Eifersuchtsgebaren in sämtlichen Beziehungen und Lebensphilosophien der Künstler: Sie wollen schneller, talentierter, berühmter sein als ihre Mitstreiter; sie wollen sich ein Denkmal setzen und unsterblich werden. Dieses sich ständige Vergleichen, lässt die besessenen Hauptprotagonisten über sich hinaus wachsen und Höchstleistungen erzielen. Fréderic Bartholdis Bruder Charles jedoch fühlt sich als Verlierer und stürzt sich ins Verderben.

Giganten ist auch ein wenig ein Herrenbuch: Es stehen hübsche Französinnen und Afrikanerinnen allzeit bereit, um die Künstler – allesamt auch Herren – zu beglücken. Sie tauchen immer im richtigen Moment auf, um den Männern den Rücken zu stärken und brechen zwischendurch diverse Herzen. Auch die dominante Mutter der Bartholdi-Brüder passt ins klassische Frauen-Klischee. Diese Liebes-und Frauengeschichten kann man mögen oder nicht, doch sie liefern leichtes Material für die vielen Plots und reflektieren natürlich auch das Zeitgeschehen des 19. Jahrhunderts.

Cuenis erzählerische Expeditionen donnern per Postkutsche, Eisenbahn oder Dampfschiff vorbei, sie verlieren sich in den Sandstürmen der ägyptischen Wüste Ägyptens, am Suez Kanal oder im Goldrausch von Alaska. Angesprochen auf die thematische Fülle seines Romans, erklärte Cueni schmunzelnd, dass er nachts immer wieder aufgestanden sei, um am Roman weiter zu schreiben. Ausserdem, so enthüllte der Autor, schreibe er immer an mehreren Romanen gleichzeitig und müsse darum aufpassen, dass sich seine Figuren nicht ins falsche Buch verirren würden. Überrascht hatten mich Cuenis Ausführungen über seine Arbeitsweise. Es ist ja bekannt, dass sich der Bestsellerautor als Getriebener und als schreibsüchtig bezeichnet. Darum war es sehr spannend zu erfahren, wie strukturiert er arbeitet. Bevor er einen Roman beginnt, macht er immer eine Auslegeordnung der Geschichte und benutzt dazu Excel Tabellen, wo er seine Figuren auf Zeitachsen platziert. Ausserdem recherchiert der Autor im Vorfeld sehr viel über seine Protagonisten und die entsprechenden Zeitepochen. Für Giganten hatte er sich zudem mit den Tagebüchern von Gustave Eiffel, wie er sagte: „abgemüht“. Denn Cueni fand in Eiffels Biografie keinen einzigen freundlichen Hinweis auf Freunde oder Familienmitglieder. Der grosse Visionär hatte offensichtlich ein Herz aus Stahl, was im Roman sehr gut beschrieben wird. Die wichtigsten Fakten über die Bartholdi-Familie lieferte das Bartholdi Museum in Colmar.

Cueni gelang es, historische und fiktive Elemente zu einem temporeichen Buch zusammen zu schweissen, das sich bestens zu einer TV -Serie verarbeiten liesse, so ganz im Stile von „Downton Abbey“. Für mich entpuppte sich Giganten als idealer Ferien-Roman, der mich entlang des Douro durch Nordportugal begleitete: Über und unter zahlreiche Eisenbrücken, welche mich genauso begeisterten, wie die kleinen und grossen Dramen in Cuenis Roman. 

Giganten von Claude Cueni,  2015, Wörterseh Verlag, 397 Seiten, 36.90 Franken

_DSC9300

Claude Cueni Lesung 2Ende Mai schickte mir der Wörterseh-Verlag die Einladung für die Buchvernissage von „Giganten“. Ich habe mich riesig gefreut und bin hingegangen – trotz Prüfungsstress. Denn ich wollte unbedingt Claude Cueni treffen und sehen, wie es ihm gesundheitlich geht. Er erklärte dann gleich zu Beginn, es gehe ihm den Umständen entsprechend gut und die Anzahl der Tabletten könne langsam reduziert werden. Cueni, der an Leukämie leidet, hielt sich bis am Schluss tapfer und las mit einer weichen Stimme – die viel Verletzlichkeit verriet – lange Textpassagen vor. Der prall gefüllte Saal applaudierte ihm herzlich: es hatte sich offensichtlich eine regelrechte Cueni-Fangemeinde im Bieder & Tanner versammelt. Denn viele Leserinnen und Leser fühlen sich dem Autobiografen von „Script Avenue“ sehr verbunden und begrüssten ihn denn auch wie einen alten Freund.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: