Reiseberichte

Ein Monat auf Teneriffa

Eigentlich wollte ich ja einen Monat verschwinden. Abhauen. Ab auf die Insel. Kein Telefon, keine Verpflichtungen, nur Strand, Meer und endlos Zeit zum Lesen. Immerhin sollte ich nach den Ferien ja wieder Texte über Bücher bloggen und da hilft es, wenn man ab und zu liest.

Soweit also der Plan. Zugegeben: vielleicht war ich etwas naiv. Einige meiner Freunde haben kritisch die Augenbrauen gehoben, als ich ihnen von meinen Plänen erzählte: „Ruhe? Auf Teneriffa? Bist du sicher? Und wo wohnst du nochmal?“.

Ich wohnte in einem Zweisternhotel. Gelesen hab ich nicht. Ruhig wars auch nicht. Allzu komfortabel ebenfalls nicht. Toll trotzdem. Ich habe für einen Reiseführer schrieben können, viele spannende Menschen kennengelernt und ihre Lebenswege ein Stück weit mitverfolgen dürfen. Ihre ganz persönlichen Geschichten werde ich hier nicht ungefragt breittreten – es sind ja ihre. Aber ich habe Eindrücke ohne Ende sammeln und kauzige Charaktere aus der Ferne beobachten können. Hier, mangels Buchideen, ein paar davon:

30.6.15
Sitze in Puerto de La Cruz am Meer, keine 10 Minuten vom Hotel, wo ich 1 Monat wohnen werde. Lange Anreise, 12 Std., weil Flug so günstiger war. Über Madrid geflogen. 5 Stunden Aufenthalt am Flughafen Madrid, dessen Architekt so ein Gesundheits-Fundi gewesen sein muss: Kein Raucherraum weit und breit im ganzen riesigen Flughafen. Mc Donalds heisst dort Mc Café und bietet nur „Gesundes“ an. Da ist man in Spanien und kann nicht mal mehr rauchen und fettig essen. Geht’s noch?
Müde. Es ist Abend, leicht bewölkt, das Meer rauscht, der Geruch von Salzwasser, den ich schon wieder ganz vergessen habe. Leute spazieren, gehen mit Hunden Gassi. In der Stadt noch nicht viel los. Ein gelber Streifen am Horizont über dem Meer. Familien flanieren. Spanisch ist eine sehr schöne und eine sehr laute Sprache. Sitze auf einer grünen Bank. Eine Möwe zieht Kreise über der Bucht. Der Sand des Strands ist schwarz. Die Möwe schreit. Fahnen flattern im Wind. Eine Frau mit seltsamem Gang stakst hastig vorbei. Hinter mir die Insel. Grüner als erwartet, gross, hügelig. Das Licht und die Vegetation erinnern in den höheren Lagen an Peru, in den tieferen an Kalifornien. Die Stimmung ist gelassen. Tranquilo, sagt eine Frau gerade in ihr Handy. Das Hotel wirkt sympathisch, wenn auch sehr alt. Viele Gäste wohnen hier langfristig. In den Ecken und den Geräuschen des Gebäudes verstecken sich unzählige Geschichten. Traurige, aber auch schöne. Keine Ahnung, wie spät es eigentlich ist. Die ganze Stadt liegt an einem steilen, grünen Hügel, wie der Üetliberg nur höher. Nach oben dünnt sich die Bebauung aus, dort folgen Bananenplantagen und ganz oben Kiefernwälder. Dahinter ein paar weitere Hügel, die im Vulkan Teide gipfeln – knapp 4000 Meter hoch. Stadt: Flachdachbauten, Wohnblocks: Weiss, orange-gelb, grün, braun. Grosse Bilder an den Wänden. Habe Hunger.

1.7.15
Schönes Wetter, gemütliches kleines Hotelzimmerchen, in dem ich grade sitze, herrliche Dachterrasse mit Aussicht auf die ganze Stadt und das Meer. Viele Pauschaltouristen hier und viele Clubhotels. Draussen ist es laut.

8.7.15
Sitze auf Bett in Zimmer auf der hässlich bunten Wolldecke, die hier meine Bettdecke ist. Heute zum ersten Mal der Insel etwas verfallen, in Ferienstimmung. Auf der Plaza del Charco? (dem grün bewachsenen kleinen Hauptplatz mit Cafés und Kasinos rund herum), nach dem Nachtessen, es war schon dunkel: Schwarzer Sänger in Touristenbar, sah aus wie Dr. Alban (Frisur) und hatte Stimme wie Joe Cocker, nur schwärzer. Hat mit seiner Stimme die ganze Plaza, alle Spanier und selbst die öligen, lahmen Touristen verzaubert. Sang „it’s a man’s world“ und „let the music play“; dann noch „I shot the sheriff“ von Bob Marley und andere Reggae-Songs, aber weniger gut. Trotzdem: Ein Schwarzer, wie sie hier sonst nur als Schatten und Strandverkäufer oder als fliegende Händler auf dem Hauptplatz existieren, hat die ganze Plaza nur mit seiner Stimme eingenommen. Hatte in dem Moment das erste Mal wirklich das Gefühl, auf Reisen zu sein – lange her. Leichter Wind, nahes Meer, Live-Musik. Bin stehen geblieben und wollte mich nicht in das tranige Touristenrestaurant setzen, also habe ich nebenan in Bar mit Flipperkästen und anderen Spielautomaten noch zwei Espressi getrunken für je 80 Cent. Und geraucht. Hoffte, dass ich so vielleicht noch etwas von dem Sänger sehen konnte, sah von meinem Platz aus aber nur seinen schwarzen Arm und seine gestikulierende Hand und einen besoffenen alten Weissen mit blau-weiss gemusterten Karohemd, der mit spastischen Bewegungen tanzte und den Schwarzen auf seinem Podest anhimmelte.
Trage keine Uhr, Handy zuhause vergessen – stehe auf, wenn ich aufwache, schreibe 6 Std. ab 14 Uhr, gehe zurück aufs Zimmer, schlafe. Falle durch die Zeit, als wäre sie ein Netz mit zu grossen Maschen.
Hotel voller Freaks: Ein Pärchen, das sich offensichtlich Mühe gibt, so laut als möglich zu vögeln. Sie sind zwei Stockwerke weiter oben, die Frau höre ich durch den Innenhof und das offene Fenster stöhnen und den Mann durch die Decke das Bett gegen die Wand rammeln, als wäre er ein scheiss Presslufthammer. Leider hat er Ausdauer, zudem fangen sie alle 2 Stunden von vorn an.
Eine andere hat 2 Nächte lang geschrien wie am Spiess und geheult, dachte sie springt gleich aus dem Fenster. Wollte nach der ersten halben Stunde klopfen gehen und fragen, ob sie Hilfe braucht, traute mich aber nicht. Habe stattdessen meine Chefin, die hier auch als Rezeptionistin arbeitet, geschickt. Danach klopften im Stundentakt fast alle anderen Gäste bei ihr; anfangs besorgt und dann immer genervter, weil sie sich jedes Mal bei den Klopfern entschuldigte, sagte es sei alles in Ordnung und sich dann wieder ans Fenster stellte, um weiter zu heulen und weiter zu schreien. Es hatte was von einer Arie, wie sie da am Fenster stand und ihre Stimmbänder ruinierte. Einer der Deutschen im Hotel brachte sie in der 2. Nacht gegen 4 Uhr früh schliesslich zum Schweigen mit einem aus dem Fenster gebrüllten Wutausbruch in Englisch mit starkem Akzent. Wahrscheinlich war sie schizophren oder so. Mittlerweile ist sie abgereist.
Dann der Deutsche mit dem Wutausbruch: Anfang 20, gutaussehend, absurde Frisur, blond mit einigen kurzen Zöpfen hinten. Seit einem Jahr auf Insel, Strassenmusiker, immer mit seiner Hündin Leyla unterwegs – Leyla nach dem gleichnamigen Song von Eric Clapton. Er will einen Bus kaufen und als Strassenmusiker durch Europa reisen. Hat ein Album mit Coversongs hier auf der Insel aufgenommen, geniert sich aber, es herum zu zeigen. Leider reist er bald ab.
Dann so ein irrer Skandinavier mit seltsam zerknautschtem Gesicht, wie in schlechten Games, wenn man den Zufallsgenerator ans Werk lässt. Verzieht ganz komisch  das Gesicht, wenn man ihn anspricht oder grüsst; spricht und bewegt sich wie eine blonde, drogengeschädigte Version von Mr. Bean. Komischer Kauz, schleichig. Mitte 40, Anfang 50; hat sich gerade ein Haus auf Teneriffa gekauft. Trägt Sonnenbrille auch im Dunkeln.
Dann so ein Computerbranchen-Skandinavier, besessen von Status: „ich will das grosse Geld, ich will nach New York, wo 50-60% aller Finanzströme der Welt durchfliessen und sieh mal diese Uhr, die hab ich in der Schweiz gekauft.“ Ich war mässig beeindruckt; meine Swatch habe ich auch in der Schweiz gekauft, fast ganz ohne Finanzströme. Das verunsicherte ihn. Spitziges Gesicht, grau an den Schläfen, sagt im Witz Dinge über sich wie: „I’m a sad person“, nur um dann wieder anzugeben. Kriegt rote Flecken im Gesicht, wenn er nervös wird oder man etwas Unpassendes sagt, was ziemlich lustig ist. Ich gebe mir Mühe, viel Unpassendes zu ihm zu sagen.
Gerade festgestellt, dass es hier eine „Playa del Bobo“ gibt, einen Idiotenstrand. Das erklärt einiges. Stelle mir vor, wie sie dort alle an Land strömen. Ein Idioten-D-Day.
Nachts, beim Rauchen vor dem Hotel: Wind in den gelben über die Strassen gespannten Girlanden aus Plastik, die mich an Cartagena in Kolumbien erinnern. Der Wind hier ist kühl, auch wenn es sonst warm ist. Wenn er einen streift, ist es, als würde er eine frisch rasierte Stelle treffen. Kakerlaken huschen im Dunkel über die Büsche und die Sitzbänke in der Fussgängerstrasse vor dem Eingang.

9.7.15
„Prozession“ von ca. 15 volkstümlich gekleideten musizierenden Männern und Frauen auf der Plaza del Chardo: Weisse Hemden, schwarze Hosen und altmodische Westen für die Männer, leuchtend rote, blaue und grüne Röcke und weite weisse Blusen für die Frauen. Alle trugen kleine Strohhüte oder schwarze aus Filz. Sahen sehr ähnlich aus wie Bauern in den Anden. Wolltaschen an den Hüften, so wie sie Alternative bei uns gern tragen, Gitarren, Ukulelen, Tamburine, Rasseln. Sangen lauthals gegen den spanischen Rap aus dem Fernseher hinter mir an. Gleiches Café/Spiellokal wie gestern. Die Musikanten schossen beim Singen andauernd Selfies mit ihren Smartphones.
Die Stadt mit ihren oft halb offen stehenden Holztüren, durch die man Blicke in die kleinen Wohnungen werfen kann oder in denen alte Frauen sitzen und das Geschehen auf der Strasse beobachten. Die Einheimischen grüssen einander auf der Strasse alle, scheinen sich auch alle zu kennen. In Tapas-Bars setzt man sich zu einander hin, lädt Neuankömmlinge an den Tisch ein. Bin immer noch viel zu schnell getaktet: Esse und trinke viel schneller als die Locals und bin wieder weg, wenn sie erst richtig anfangen. Überall Gruppen von Leuten beim Schwatzen.

12.7.15
Oder so. Bestes Essen bisher. Iberischer Schinken; Spanien wie ich es mir vorgestellt habe: Schmale Strasse, es ist kühl und nächtlich ruhig abgesehen von ein paar Gästen hier und ein paar spielenden Kindern auf der anderen Strassenseite. Endlich Bilderbuchspanien: Iberischer Schinken, böser, misstrauischer Wirt, der nichts anderes tut, als aussen an der Tür stehen und grimmig auf Gäste und Strasse blicken. So muss das sein.
Das Pärchen aus dem Zimmer zwei Stockwerke weiter ist abgereist. Endlich in Ruhe schlafen!

13.7.5
Der Sicherheitsmann in einem der zwei Supermärkte folgt mir regelmässig; versteckt sich halb hinter den Regalen und lugt mit dem Kopf um die Ecke, in der Hoffnung, mich beim Klauen zu erwischen. Dabei bin ich immer frisch rasiert und trage meistens Hemden. Vielleicht sollte ich mir meinen Pass gut sichtbar um den Hals hängen oder mir mit einem 50-Euro-Schein Luft zufächeln. Ich geh jetzt nur noch in den anderen Supermarkt. Oder in eine der zwei kleinen Fruterias, aber die haben während der Siesta lange geschlossen.

15.7.15
Gestern Fiesta de la Carmen: Wie es der Brauch will, wurde heute eine Marienstatue durch die Stadt getragen, mit Liedern geehrt und dann aufs Meer hinaus gefahren. Ursprünglich eine Danksagungs-Tradition der Fischer an ihre Schutzheilige. Heutzutage ist das Rausfahren der Statue aufs Meer der Startschuss für eine Party à la Street-Parade. Techno, Menschenmassen und Alkohol in Strömen. Frei nach dem Motto: Maria ist weg, jetzt können wir saufen!!! Kein Auge zugetan über Nacht.

18.7.15
Heute allein beim Mexikaner gegessen. War gut besucht. Esse gern allein, bin gern allein, was bisweilen schwierig ist: Unternehmungslustige Leute haben auch hier das Gefühl, Anspruch auf meine Zeit zu haben und frei über sie verfügen zu können. Heute nicht, zum Glück. Draussen gesessen an einem kleinen Tisch auf dem Trottoir mit Blick auf die Mole und ins Restaurant rein. Leute im Restaurant beobachtet. Nur Akademiker und Banker können noch im Sitzen auf Kellner hinabschauen.

22.7.15
Konzert besucht mit einigen neuen Bekannten. Kannte den Künstler (Jean-Luis Guerra) nicht, war aber toll. Einige Tausend Besucher, grosse Bühne in der Hauptstadt der Insel, Santa Cruz. Die meisten kannten alle Texte auswendig, viele haben mitgesungen, viele zu zweit getanzt. Danach ein rauschender spanischer Abend: Belebte Strasse mit Bars in der Altstadt. Tapas, Bier, Tapas, Bier, Tapas, Bier und immer so weiter bis in die tiefe blaue Nacht. Am Ende weigerten sich die spanischen Gastgeber standhaft, uns Schweizer bezahlen zu lassen.

24.7.15
Reichlich herumgekommen inzwischen. Mit einem Bekannten auf den Teide gewandert. Eigentlich vorgehabt, mit der Seilbahn wieder runter zu fahren, aber eine halbe Stunde bevor wir den Gipfel erreichten, sagte uns jemand, dass diese wegen starken Winds nicht lief. Also alles wieder runtergewandert. Ca. 7 Stunden unterwegs gewesen. Der Aufstieg ist anstrengend. Bizarre Landschaft: Ein äusserer, älterer Krater, ca. 20 km Durchmesser mit hohen braunroten Innenwänden, an denen man zuerst hochblickt; später sieht man auf sie hinab. Der innere, jüngere Vulkan, der im Krater des älteren liegt, ist schroff, steil, rot-schwarz, lebensfeindlich. Überall schwarzer Obsidian und roter Bimsstein. Felslandschaften, leer, karg, abgesehen von Formen und Farben. Die Sonne brennt hinab. Staubtrockene, heisse Luft. Auf dem Gipfel ist sie dünn, leer, man atmet schwer. Es stinkt nach Schwefel. Trotzdem so kräftige Windstösse, dass man sich ducken und an den Felsen festkrallen muss, um nicht zu stürzen. Der Berg erschien mir in dem Moment wie ein denkendes Wesen, eine Gottheit, die uns nur duldete, mehr nicht. Nicht einmal mein Bekannter redet hier oben noch. Was an ein Wunder grenzt.
Kaum Pflanzen, nur am Fuss des Bergs einige wenige. Das Auge begrüsst sie freudig, wenn man beim Abstieg vom lebensleeren Gipfel wieder an ihnen vorbeikommt.

25.7.15
Tierarztpraxis hier um die Ecke: Nach der Siesta warten sie alle mit ihren Schosshündchen davor und halten einen Schwatz auf der Schattenseite der Strasse.

26.7.15
Zimmernachbar, der schnarcht: Aufwachen und das surreale Gefühl haben, das Hotel selbst spricht zu dir, mit seinem Knarren und Ächzen und Schnarchen und Scharren.

29.7.15
Die Einwohner hier lassen Türen und Fenster zu ihren Wohnungen offen stehen und begegnen den vielen Touristen mit Gelassenheit und einer Art freundlichem Stolz; ähnlich wie Bauern auf dem Land hier in der Schweiz.
Habe unglaubliche Menschen getroffen hier. Wie positiv, intelligent, offen einige von ihnen sind! Falls ihr das lest: Merci für alles.

 

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