Reiseabenteuer Winterliches

In eisige Höhen – Das Drama am Mount Everest

Text und Bild von Jana Kilchenmann

Das Bergsteigen am höchsten Gipfel der Welt ist zu einem blühenden Geschäft geworden. Weil dieses Thema viele Kontroversen mit sich bringt, wird Jon Krakauer, selbst ambitionierter Bergsteiger und Journalist, 1996 von der Zeitschrift Outside beauftragt, über die Kommerzialisierung des Mount Everest einen Artikel zu schreiben. Krakauer schliesst sich im März desselben Jahres als zahlender Kunde der Adventure Consultants Expedition an, welche vom neuseeländischen Bergführer Rob Hall geleitet wird. „Am 10. Mai erreichte ich den Gipfel. Der Preis für die Besteigung jedoch war entsetzlich.“

Dass es nach dem Artikel bei Outside eine „innere Notwendigkeit“ gewesen sei, dieses Buch zu schreiben, betont der Autor schon im Vorwort. Sein Artikel habe Freunde und deren Familien verletzt, weil gewisse von ihm beschriebene Geschehnisse nicht gestimmt hätten. Im ganzen Buch wird deutlich, wie schlecht der menschliche Verstand in über 4000 Meter über dem Meeresspiegel arbeitet. Dadurch kann die Abfolge von Erinnerungen später nur schwer rekonstruiert werden, denn der Mount Everest ist an seinem höchsten Punkt 8848 Meter hoch.

Vogue lesen in über 7000 m.ü.M
Bis zu 65’000 Dollar haben die Kunden der Adventure Consultants Expedition bezahlt, um auf den Mount Everest geführt zu werden. Es ist wahrlich beeindruckend zu lesen, über wie wenig Klettererfahrung einige Teilnehmer verfügen und dass sie sich teilweise nur im Fitnesscenter vorbereitet haben, anstatt auf Bergtouren Erfahrungen zu sammeln. Expeditionsleiter wie Rob Hall verstehen sich als Dienstleister im Kletter-Business. Scott Fisher, Leiter der Mountain Madness Expedition wird im Buch zitiert: „Wir haben den Big E voll im Griff, wir haben’s wirklich raus. Ich sag’s dir, wir haben ’nen richtiggehenden Boulevard zum Gipfel gebaut.“
Um sich an die Höhe zu gewöhnen, müssen alle Expeditionsteilnehmer eine Akklimatisierungsphase durchstehen, wobei sie zwischen dem Basislager und den Camps hin und her pendeln. Krakauer beschreibt dabei die unglaubliche Leistung der Sherpas, auf die so gut wie jede Expedition angewiesen ist. Dabei gibt er aber auch einen Einblick in ihr Leben, das von solchen Expeditionen wiederum abhängig ist. Während es Bergsteiger gibt, die ganz auf Sherpas verzichten, lässt sich zum Beispiel eine New Yorker Millionärin regelmässig die neusten Ausgaben der „Vogue“ oder „Vanity Fair“ in die Camps bringen.
Es wird deutlich, dass es die unterschiedlichsten Auffassungen über das Wie oder das Warum des Bergsteigens gibt. Wir erhalten in diesem Buch  eine sehr breite Palette von Beispielen und Ansichten über den Sinn des Kletterns. Der Autor macht darüber hinaus im ersten Drittel einen Zeitsprung zurück zur Entdeckung des höchsten Gipfels der Erde und schildert die ersten Kletterversuche bis hin zur Erstbesteigung. Der Kontrast zu heute ist immens. Trotz dieser Analysen und Gegenüberstellungen am Rande, ist Krakauers Bericht sehr persönlich und der Journalist betont, dass er seine Sicht der Ereignisse schildert. Im Gegensatz zu anderen Autoren, die über diese Tragödie geschrieben haben, hat Krakauer aber mit allen Überlebenden im Nachhinein persönliche Gespräche geführt.

Blauer Himmel
Obwohl die Akklimatisierungsphase nach Plan verlaufen ist, sind die Expeditionsteilnehmer angeschlagen, als sie in der Nacht des 10. Mai 1996 ihren Gipfelversuch starten. Rob Hall hat sich zwar mit den anderen Expeditionen abgesprochen was die Reihenfolge betrifft, doch nicht alle haben sich daran gehalten. So waren an diesem Tag 33 Bergsteiger aus drei Expeditionen am Gipfel unterwegs. Der Stau an den Fixseilen war vorprogrammiert und hat vielen wertvolle Zeit geraubt. Denn Hall hat eine Umkehrfrist gesetzt. Wer um 14 Uhr mehr als einen Steinwurf vom Gipfel entfernt ist, muss umkehren. Als Jon Krakauer am frühen Nachmittag auf dem Gipfel steht, ist der Himmel strahlend blau. Weil wegen der Kälte und Erschöpfung bei ihm kein Siegesgefühl aufkommen will, macht er sich nach weniger als fünf Minuten wieder an den Abstieg und wird bald von einem immer stärker werdenden Schneesturm eingehüllt. Da auf dem Gipfel aber immer noch beste Bedingungen herrschen, überziehen sogar die Bergführer die Umkehrzeit um bis zu zwei Stunden und die Tragödie nimmt ihren Lauf.
Für den Artikel in Outside und auch für dieses Buch wurde Jon Krakauer von anderen Expeditionsteilnehmern stark kritisiert. Sie fühlten sich falsch dargestellt und angegriffen. Tatsächlich haben auch andere Teilnehmer Bücher über die Mai-Tragödie am Everest veröffentlicht, in denen sie sich gegenseitig widersprechen. Zum Beispiel Allein auf dem Everest von Göran Kropp oder Für tot erklärt von Beck Weathers. In der 15. Auflage von In eisige Höhen nimmt Krakauer in einem 20-seitigen Nachwort sogar ausführlich Stellung zum Buch Der Gipfel von Anatoli Boukreevs, einem russischen Bergführer der im Mai 96 für die Mountain Madness Expedition gearbeitet hat. Dieser ist nicht damit einverstanden, wie er in In eisige Höhen dargestellt worden ist und rechtfertigt sich in Der Gipfel indem er unter anderem Krakauers Integrität als Journalist in Frage stellt.
Bei In eisige Höhen – Das Drama am Mount Everest erfährt der Leser bereits zu Beginn über den tragischen Ausgang eines Wetterwechsels am Gipfel. In 21 nach Datum geordneten Kapiteln rollt der Autor dann die vielen kleinen Fehlentscheidungen aus, die dazu geführt haben, dass 12 Bergsteiger aus vier Expeditionen gestorben sind.
Schon auf den ersten Seiten über den Ausgang dieser Bergbesteigung zu erfahren, macht es beklemmend, dieses Buch zu lesen. Weil man über das Verderben weiss, in das die Expeditionsteilnehmer alle klettern. Aber genau dieser besondere Aufbau macht uns als Leser aufmerksam für die kleinen Fehlentscheidungen, die sich einschleichen und zu diesem fürchterlichen Ende geführt haben. Krakauers klarer Schreibstil und der grosse Rechercheaufwand, den er für das Buch betrieben hat, machen die vielen parallel verlaufenden Ereignisketten gut nachvollziehbar und packend zu lesen.

„In eisige Höhen“ von Jon Krakauer ist 1998 beim Piper Verlag in München erschienen. 2000 kam es als Taschenbuch heraus, das vorliegende Buch ist die 16. Auflage, die im April 2014 erschienen ist. Es kostet als Taschenbuch 18 Franken.
Original: „Into Thin Air“ von Jon Krakauer ist 1997 von Villard Books in New York publiziert worden. 

 

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