Reiseabenteuer

Südostasien und mein liebster Kettenraucher

Text und Bilder von Daniel Meister

Freitagsbloggers: Thai FoodIn einem Anflug von Selbstkritik fragt sich Andreas Altmann einmal, ob er wohl gerade wieder als erigierter Zeigefinger unterwegs sei. Er verneint die Frage. Als Leser von „Der Preis der Leichtigkeit“ ist man leider geneigt zu sagen: er ist es doch, ziemlich oft sogar. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn gleichzeitig schafft es Andreas Altmann als preisgekrönter Reiseautor immer wieder, sich weit abseits der ausgetrampelten Pfade zu bewegen und er beweist mit „Der Preis der Leichtigkeit“ einmal mehr, dass aufregendes und sinnstiftendes Reisen auch in Zeiten von online gebuchten Billigflügen, boomender Sextourismusindustrie und brechend vollen Backpackerhostels durchaus möglich ist.

Sprachlich präzis und mit viel Witz und Sinn fürs Absurde beschreibt Altmann seinen ganz normalen Reisewahnsinn als Getriebener. Immer rastlos und nah am Menschen präsentiert er dem Leser ein wahres Kaleidoskop aus Begegnungen, Landschaften, Geschmäckern, Skurrilem, Schönem und Traurigem; skizziert in treffenden Bildern Menschen, Gefühle, Städte, Schicksale und ist auf der nächsten Seite schon wieder weitergezogen. Quasi im Vorbeirauschen packt einen als Leser das eigentümlich grosse Gefühl, selbst auf grosser Reise zu sein.

Freitagsbloggers: Vietnam TrainEine Brise weht durch die Waggons, die Türen und Fenster stehen weit offen. Nach einem Nachtflug wird Zugfahren immer zu einem leicht surrealen Erlebnis. Die feuchte Hitze und die Müdigkeit versetzen den Körper in Trance. Wer Opium raucht, kennt diesen Zustand glücklicher Erschöpfung. So ein Schweben zwischen Einheit und Versöhnung.

Das Buch beschreibt Altmanns dritte oder vierte mehrmonatige Reise (je nach Quelle) durch Thailand, Kambodscha und Vietnam. Sie führt ihn von einem buddhistischen Kloster, das sich der Pflege Aids-Kranker verschrieben hat, zu Opfern der Tsunami-Katastrophe – die Reise fand 2004 statt, als die Flutwelle über die Küsten der Region hereinbrach – und von gottvergessenen Nestern voller Karaokesänger auf die Rücksitze von Vespas oder Tuk-Tuks, wo sich irgendwo im ohrenbetäubenden Verkehr konfuser Grossstädte plötzliche Momente der Stille auftun.

Ein Paar auf einem Motorrad holt zu uns auf. Sie schlingt von hinten die Arme um ihn, er lehnt den Kopf lässig zurück auf ihre rechte Schulter. Der Highway ist jetzt mehrspurig, und wir fahren minutenlang auf gleicher Höhe nebeneinander her. Die zwei sehen verdammt gut aus, er mit einem Matt-Dillon-Grinsen, sie mit dem Silberblick einer verliebten Frau.

Stets interessiert Altmann unterwegs der Mensch und am Menschen das Ungewöhnliche. Wo immer er kann, beginnt Altmann Unterhaltungen und offenbart seiner Leserschaft so einen Querschnitt durch die südostasiatische Gesellschaft. Egal ob Nonne, Architekt, Dichter, Busfahrer, Strassenverkäuferin, Junkie: Altmann lässt uns teilhaben an den Lebensgeschichten und Ansichten seiner Gegenüber.

Für Fernwehkranke hat das Buch reisetechnisch somit kaum überblätternswerte Längen. Allerdings hält sich Altmann wie eingangs angetönt in keiner Weise zurück, seine eigenen Überzeugungen kundzutun und kippt dabei schnell von leichtfüssiger Satire ins Belehrende. So ereifert er sich seitenweise über die Omnipräsenz laut aufgedrehter TV-Geräte, die die gesuchte Ruhe zerstören. Oder er bläst zum Grossangriff gegen christliche Missionare, Pauschalurlauber und verweichlichte Rucksacktouristen, die ihre Reise mit Schlafen verbringen. Dabei wettert er mit einer Wucht und Penetranz, die nach ein paar Seiten anstrengt, selbst wenn man ihm als Leser in manchen Punkten Recht geben möchte.

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Genauso wie Altmann wüten kann, kann er sich rückhaltlos für Menschen, Gedanken, Institutionen begeistern. Auch hier wäre weniger teilweise mehr. Wenn er darüber referiert, weshalb genau diese oder jene Hilfsorganisation nach dem Tsunami für die lokale Bevölkerung wichtig war und nur diese und auf gar keinen Fall eine andere, dann hat das einen unangenehm undifferenzierten Beigeschmack. Selbstverständlich arbeitet er unterwegs ehrenamtlich dann auch nur für die richtigen Organisationen.

In gewisser Art und Weise lebt das Buch aber gerade davon, dass Altmann keinem etwas vormacht. Als Reisender nicht und auch nicht als Autor. Er ist sich selbst. Wo frisch erleuchtete Mode-Buddhisten ihr aus Reiseführern zusammengeklaubtes Kulturverständnis an der Lokalbevölkerung ausprobieren, wo andere Reiseberichte Zurückhaltung heucheln, ist Altmann: Altmann. Ein bisschen ungelenk, ein bisschen klobig, ein bisschen zynisch, ein klein wenig verloren. Und doch, oder gerade deshalb: Nur zu gern stellt man sich den nicht mehr ganz jungen Kettenraucher im Staub und Chaos südostasiatischer Busbahnhöfe vor, verzweifelt darum bemüht, ein Ticket dritter Klasse zu ergattern. Weil die meisten anderen Rucksacktouristen die klimatisierte erste Klasse vorziehen. Und die Menschen in der dritten Klasse meistens mehr zu erzählen haben. Sagt Altmann.

Freitagsbloggers: Thai MönchKurzum: Wer in Reiseberichten Objektivität schätzt, wird mit dem Buch seine Mühe haben, ebenso wer eine Auflistung von Sehenswürdigkeiten erwartet. Denn Andreas Altmann mag – wen wundert’s? – kein Sightseeing. Wer sich aber bemüht, die zeitweiligen Wutausbrüche und Belehrungen des Autors mit fernöstlicher Gelassenheit hinzunehmen, für den kann das Buch Fernweh-Antidot, eine grossartige Reise-Vorbereitungslektüre und ein noch besserer Reisebegleiter werden. Denn wie genau Andreas Altmann mit seinen Beobachtungen immer wieder den Kern der Sache trifft, davon überzeugt man sich am besten selbst mit langen Fahrten durch die beschriebenen Länder. Mit einem Busticket dritter Klasse, versteht sich.

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