Sommerliches

Unterwegs entlang dem Appalachian Trail

Kings of Nowhere - T.J. Forrester

Nirgendwo Könige

Text und Bilder von Jana Kilchenmann

Dieses Buch hat meine Erwartungen nicht erfüllt. In der Buchhandlung war ich mir sicher, eine kleine Perle in der Hand zu halten, ohne mehr als den Klappentext zu kennen. Dieser und die Haptik – kartonierter Einband ohne Schnickschnack – allein haben diesmal überzeugt. Mit dem Buch Kings of Nowhere in der Tasche, malte ich mir bereits auf dem Nachhauseweg aus, auf Freitagsbloggers darüber zu schreiben. Und ich war überzeugt, dass wenn es um den Appalachian-Trail geht, euch von schönen Naturbeschreibungen vorschwärmen zu können. Am Ende würde ich euch dann empfehlen, es zur Vorbereitung einer Wanderung zu lesen. Irrtum! 235 Seiten später möchte ich euch genau davon abraten.

T.J. Forrester folgt in seiner zweiten Novelle drei Thru-Hiker auf dem Appalachian-Trail. Thru-Hiker werden jene Wanderer genannt, die diesen Fernwanderweg in einer Saison durchziehen. Der Appalachian-Trail gilt mit 3500 Kilometern als der längste Fussweg weltweit. Er durchquert im Osten der USA in unbewohntem Gebiet 14 Staaten und ist zwischen 400 und 2050 Meter über dem Meer angelegt. Der Appalachian-Trail gehört mit dem Pacific Crest Trail und dem Continental Divide Trail zu den Tripple-Crown-Wegen. Wer sie alle drei gewandert ist, erhält die Auszeichnung „Triple-Crown of Hiking“.

Wanderung zur Veränderung
In Kings of Nowhere geht es um Menschen, die beim Wandern versuchen, ihre Vergangenheit abzuschütteln und ihre inneren Dämonen zu besiegen. Doch es stellt sich ihnen, wie auch dem Leser, auch immer wieder die Frage, ob ein Mensch sich überhaupt ändern kann.
Zu Beginn des Buches lernen wir Taz Chavis kennen, als der gerade aus dem Gefängnis kommt und von seinem Vater Geld erbt. Seine Geschichte wird in der Ich-Perspektive erzählt. Taz ist drogensüchtig und steckt in einer von Drogen vergifteten Beziehung, aus der er keinen Ausweg sieht. Er glaubt aber daran, sich von Grund auf ändern zu können. Deshalb macht er sich auf, den Appalachian-Trail von Süden nach Norden zu gehen. In den Kapiteln, in denen wir mit Taz unterwegs sind, erfahren wir immer mehr über seine Vergangenheit: Beispielsweise, dass sein Vater an seinem Beruf, Strassenhunde einzusammeln und sie zu vergasen, zerbrochen ist. Dass seine Mutter mit einem anderen Mann durchgebrannt ist und ihre letzten Worte an Taz waren „Du hast das Blut deines Vaters in den Adern. Du hast sein Blut, und daran kannst du nichts ändern.“. Und wie Taz sich daraufhin um seinen „Pop“ gekümmert und im Tierasyl mitgearbeitet hat.

Während wir bei Taz die Welt durch seine Augen sehen, berichtet ein Erzähler über die anderen beiden Protagonisten: die Wissenschaftlerin Simone und den Möchtegern-Indianer Richard. Dadurch blicken wir ebenfalls tief in ihre inneren Abgründe.
Simone wandert den Trail am Anfang noch zusammen mit ihrem Verlobten, den sie aber bald wegschickt oder umbringt, das erfährt der Leser nicht so genau. Denn sie leidet unter dem Zwang, Menschen von Klippen zu stossen. Simone möchte auf der Wanderung gegen ihren Zwang ankämpfen und ihn ausmerzen. “Sie hofft, der Wandel werde wie ein Vulkanausbruch sein, dessen Glut ihre Gene so schmelzen lässt, dass sie nach deren Erkalten eine völlig andere Person ist.” Doch sie glaubt auch an eine wissenschaftliche Theorie, die besagt, dass jeder Mensch ein kaputtes Gen in sich trägt, das ihm später zum Verhängnis wird. Und aufgrund dieser Theorie stellt sie ihr Vorhaben, sich zu ändern, immer wieder in Frage.
Richard kämpft auf dem gesamten AT mit seiner Alkoholsucht. Wie auch bei Taz wartet die Verführung in jeder Stadt und in jedem Dorf, die sie zum Aufstocken von Vorräten und Kleiderwaschen aufsuchen. Richard gibt stets damit an, ein Indianer zu sein. Was aber eine halbe Lüge ist. Denn seine Eltern sind weiss und er ist das Ergebnis einer Affäre seiner Mutter mit einem Indianer. Sein Vater stört Richards Aufmachung mit Federschmuck und Perlen und will seinen Sohn in die eigenen Fussstapfen zwingen, um ihm die Reifenfirma zu übertragen.

Bei T.J. Forrester ist der Appalachian Trail ein düsterer Ort.
Bei T.J. Forrester ist der Appalachian Trail ein düsterer Ort.

Skurrile Gestalten
Anstatt die drei Hauptfiguren im Süden des Trails zusammenzuführen und sie auf Schritt und Tritt nach Norden zu begleiten, hat Forrester die Geschichte in einem komplexen Konstrukt aus nummerierten Kapiteln realisiert, wobei er den Fokus jeweils auf einen der Hiker legt. Lange Abschnitte der Wanderung gehen die einzelnen Figuren ohne dass der Leser dabei ist. Im ersten Drittel lernen sich die Drei kennen und werden Freunde, doch sie wandern nicht den gesamten Weg gemeinsam. Mit seiner Sprache legt der Autor ein rasantes Tempo vor und mit jedem seiner knappen, kraftvollen Sätze treibt er die Handlung voran. Die Schönheit der Landschaft lädt jedoch T.J. Forrester nicht zum Verweilen ein. Lieber bohrt er weiter im Innern seiner Haupt- und Nebenfiguren. Gleichzeitig schafft er aber sprachlich wundervolle Bilder und Vergleiche: „Auf der  Strasse waren Freunde wie Pappbecher. Manche wurden plattgedrückt, andere vom Wind weggeweht. Nichts war für die Ewigkeit.“

Entlang der Route lernen wir mehrere skurrile Gestalten kennen, die alle auf eine Weise mit dem Appalachian-Trail verbunden sind. Da sind zum Beispiel Leona und Emanuel, ein älteres Ehepaar, das sich auf Emanuels Willen hin einer Swinger-Bewegung anschliesst. Leona hat in jüngeren Jahren die Wege des AT in Stand gehalten und denkt wehmütig an Zeiten zurück, die sie mit ihrem Ehemann draussen in der Natur verbracht hat. Später sind wir im Bed & Breakfast von Pike und Guiseppe, wo Hiker gerne Rast machen. Guiseppe fühlt sich nicht richtig beteiligt an Pike’s Errungenschaften, denn der ist stinkreich. Frustriert gräbt sich Guiseppe im Garten ein Loch. Dort drin schmort er so lange bis Pike sich einen Houseboy zulegt, den sie später zusammen vergewaltigen. Als der Junge ihnen eröffnet, er sei erst 14 Jahre alt, bleibt unklar, ob das schräge Paar ihn umbringt und im Garten verscharrt oder ihn in den Norden schickt. Und das ist nicht die einzige Stelle, die offen bleibt. Um für diese Unsicherheiten zu sorgen, setzt der Autor gezielt seine Figuren ein. Denn oft stellt sich heraus, dass sie lügen oder etwas vortäuschen. Seite um Seite vertrauen wir ihnen weniger; insbesondere wenn sie sich unterhalten. Auch ihre verwerflichsten Handlungen bleiben unkommentiert und als Leser fühlt man sich etwas hilflos und vom Autor allein gelassen. Am ehesten halte ich zu Taz Chavis, weil er trotz Rückfällen als Einziger wirklich daran glaubt, etwas an sich verändern zu können.

Kings of Nowhere drängt dem Leser unangenehme Fragen geradezu auf und zwingt ihn auch in sich selbst hinein zu schauen. Genauso wie der Appalachian-Trail Taz, Simone und Richard verändert, tritt das Buch auch beim Leser etwas los. Ich empfehle nicht, es während einer labilen oder depressiven Lebensphase zu lesen. Davon abgesehen ist es aber ein sprachliches Meisterwerk und auch ziemlich schräg. Kings of Nowhere hat meine Erwartungen nicht erfüllt; und das ist gut so.

Freitagsblogger Daniel Meister ist bereits einen Teil des Appalachian-Trail gewandert und hat mir ein paar Bilder gezeigt, die er unterwegs gemacht hat:
Appalachian-Trail - Daniel Meister  Appalachian-Trail - Daniel Meister
Appalachian-Trail - Daniel Meister

Die englische Originalausgabe unter dem Titel Black Heart on the Appalachian Trail erschien 2012 bei Simon & Schuster Paperbacks

Die deutsche Ausgabe Kings of Nowhere ist beim Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2013 erschienen. Es umfasst 235 Seiten und kostet gebunden 24.50 Franken.

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