Unterwegs

Die Zeit die uns bleibt

Text und Bilder von Dominique Götz

„Die Zeit die uns bleibt“ ist ein dünnes Buch von Toshiki Okada mit zwei Erzählungen, das wie es auf dem Klappentext heisst: „keine Geschichte erzählt, sondern den Zustand einer Generation beschreibt, die nicht weiss, wo ihre Zukunft liegt“. Es enthält eine geballte Ladung an Stimmungsbildern, aufgenommen in Tokyo, wo junge Freeter sich mit Teilzeitjobs ihren Lebensunterhalt verdienen. Es beschreibt die Konsumgesellschaft Japans, deren junge Generation sich in den Schluchten der Perspektivenlosigkeit einer Grossstadt verlieren. Namenlose egozentrische Frauen und Männer von denen man nicht einmal den Usernamen kennt und die unfähig sind, Beziehungen einzugehen oder sich festzulegen. Und in deren Leben sich alles so zufälligerweise und nur aufs Geratewohl abspielt.

Toshiki Okada ist vor allem bekannt als Theaterautor und Regisseur. Er gründete 1997 die Theatergruppe Chelfitsch, eine Mischung aus Sprech- und Tanztheater. Die Truppe gastierte im November 2014 im Rahmen des Culturescapes Tokyo in Basel, wo der 42-jährige Okada auch zu einer Lesung seines einzigen Romans ins Literaturhaus eingeladen war.

Die schwungvolle Widmung für Freitagsbloggers von Taschiki Okada
Die schwungvolle Widmung für Freitagsbloggers von Taschiki Okada

Der charmante Japaner erklärte dort, dass die erste Erzählung seines Buches „Fünf Tage im März“ ursprünglich als Theaterstück konzipiert war. Sie führt den Leser in das Nachtleben Roppongis. Eine Gruppe junger Betrunkener fährt grölend mit der U-Bahn in den „Super Deluxe Club“, wo eine offene Performance läuft und alle Besucher ans Mikrofon treten und irgendetwas erzählen können. Dort trifft ein junger Mann eine junge Frau und zusammen haben sie vier Nächte und fünf Tage lang Sex in einem Love Hotel in Shibuya, während im Irak die Luftangriffe auf Bagdad beginnen. Sie befinden sich in einem Ferienmodus, wo die Zeit still steht. Nur einmal verlassen die Beiden das Hotel, um zu essen und begegnen einer kleinen Demonstration gegen den Irakkrieg. Und so steht ihre gemeinsame Zeit, wie der junge Mann findet, unter dem Motto sex & war. Es ist ein „seltsames Kalkül“, auf das sich die Beiden geeinigt haben, fünf Tage zusammen zu verbringen und sich dann zu trennen. Sie sagen gleichzeitig ja zur Trennung, bevor ihre Beziehung zu Ende ist; ein Ja wie das „Öffnen von tränenlosen Tränenschleusen“. Interessant ist Okadas Spiel mit den Perspektiven der beiden Hauptprotagonisten. Abwechslungsweise blicken die Frau, der Mann und der Erzähler auf die gemeinsamen Tage im März 2003 zurück.

In der zweiten Erzählung „Der Plural meiner Orte“ zoomt Toshiki Okada im September 2005 in das Zimmer einer lustlosen jungen Frau. Ein schimmliges Zimmer in einem gesichtslosen Miethaus, dessen Schatten aussehen, „wie liegen gebliebene, leicht geschmolzene Eisklumpen“. Die Frau schwänzt ihre Arbeit im Call Center und wird es nicht schaffen den Müll rauszubringen. Sie hat kein Geld, um shoppen zu gehen und liegt lethargisch und verschwitzt in ihren zerknautschten Laken und denkt über ihr Leben und ihre Ehe nach. „Ständig hatte ich das Gefühl, von einer Art Watteflusen gequält zu werden, die aus einem Gemisch hauchdünner, gezackter grauer Drähte und diverser ähnlicher Dinge bestanden und sich in meinem Kopf eingeschlichen hatten.“ Ihr Ehemann schiebt unterdessen Nachtschicht als Koch in einem Familienrestaurant und schläft in einer Fastfood-Kette, bis er seinen zweiten Job in einer Drogerie antreten kann. Emotional weit entfernt von ihrer Familie fristet die Dreissigjährige ein Leben mit einem Ehemann, den sie nicht versteht. Sie versucht sein Tagebuch oder seinen Blog zu finden, um in sein Innerstes sehen zu können. Ihr einziger Zugang zur Aussenwelt ist ihr vibrierendes Handy, das sie an ihrem Körper wärmt wie ein Ei und das Internet, ein endloses Universum. Sehr raffiniert in dieser Erzählung ist die Perspektive der Armyofme, der Lieblingsbloggerin der jungen Frau, die über beleidigende und unverschämte Kundenbeschwerden im Call Center schreibt und deren Identität sich erst gegen Ende der Erzählung auflöst.

Gioacchino ist der Nächste, der diese Geschichte lesen wird.
Gioacchino ist der Nächste, der diese Geschichte lesen wird.

Der Autor beleuchtet in seinen Erzählungen mit unerträglicher Überschärfe und Nähe die Falten der Bettlaken, die Flecken an den Tapeten und die modrigen Gerüche der trostlosen Zimmer. Er beschreibt die Beziehungslosigkeit der Menschen, die nie zu sich selbst gefunden haben und keine Ziele verfolgen können. Es ist das Portrait einer Gesellschaft, die einen grossen Prozentsatz ihrer Bevölkerung zwingt, mehrere Teilzeitjobs gleichzeitig zu bewältigen, um über die Runden zu kommen und dabei ihre Energie und Kreativität verliert. Beklemmend ist die Leere im Leben dieser Menschen, die sich, wie der Autor erläuterte, in einem unklaren Modus befinden. Toshiki Okada stellte sich beim Schreiben die Frage, wie man überhaupt frei sein könne in der japanischen Gesellschaft, die hart wie Glas sei. Mit dem Buch versuchte er den Kontrast aufzuzeigen zwischen der harten Realität des japanischen Alltags und dem weichen Innenleben der Protagonisten.

Ich lebte ein Jahr lang in Tokyo, nur ein paar Velominuten von Shibuya entfernt. Ich erinnere mich gut an die Gegend mit den Love Hotels und den vielen Restaurants und Bars. An die Tristesse der Seitengassen und ihren Abfalleimern, Krähen, Hunden und Obdachlosen. Dabei empfinde ich die gleiche wehmütige Vertrautheit, wie die junge Frau, als sie das Love Hotel verliess: „Im Modus von Shibuya wie sie ihn spürte, eine Stadt, die sie nicht kannte, obwohl sie sie kannte.“ Nirgends fühlte ich mich je unbedeutender, kleiner und verlorener als in Tokyo. Und nirgends sonst auf der Welt fühlte ich mich je aufgehobener. Und darum finde ich, dass es Toshiki Okada mit seiner kunstvollen und detailgenauen Sprache ausserordentlich gut gelungen ist, die tiefen Risse der japanischen Hochglanzfassade auszuleuchten.

Tashiki Okada signiert seinen einzigen Roman im Literaturhaus Basel im November 2014
Tashiki Okada signiert seinen einzigen Roman im Literaturhaus Basel im November 2014

Erschienen in Japan 2007 unter dem Originaltitel „Watashitachi Ni Yuruseta Tokubetsu na Jikan na Owari“ (Das Ende der uns erlaubten Zeit ), wurde es 2008 mit dem Kenzaburo-Oe-Preis ausgezeichnet.

„Die Zeit die uns bleibt“ von Toshiki Okada, 2012 im S.Fischer Verlag erschienen, übersetzt von Heike Patzschke, 159 Seiten, Preis 24.50 Franken, ISBN 9783-10-054017-1

Nächsten Freitag bleiben wir in Japan und werden Fotos und Impressionen raufladen von Gioacchino, einem Bühnenmaschinisten, der zur Zeit in Japan mit einer Band tourt. Lasst euch überraschen…

 

 

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