Unterwegs

Der abenteuerliche Ursprung Hong Kongs

Text: Daniel Meister, Bilder: Dominique Götz und Daniel Meister

Tai Pan bedeutet auf Chinesisch in etwa „oberster Führer“. Gemeint ist damit aber nicht unbedingt der nominelle Führer einer Gruppe, sondern die Person, bei der im Hintergrund alle Fäden zusammenlaufen und die durch Initiative, Charisma und geschicktes Netzwerken letztlich das Geschehen kontrolliert. So einer ist Dirk Struan, die Hauptperson in James Clavells Roman „Tai Pan“. Das Buch spielt in der Zeit um 1841 vor der chinesischen Küste auf einer Insel, auf der es ausser ein paar Wasserläufen und einem Fischerdorf nichts gibt, bis Struan im Gefolge der britischen Ostindien-Handelskompanie dort auftaucht. Und auf diesem gottvergessenen Flecken Erde eine der berauschendsten Metropolen der Moderne gründet, beziehungsweise gründen lässt: Hong Kong.

Struan, in ärmlichen Verhältnissen in Schottland zur Welt gekommen und wortwörtlich auf See gross geworden, ist der geborene Abenteurer und zu Beginn des Romans bereits der Patriarch des erfolgreichsten westlichen Handelshauses der Region: Noble House. Im Fahrwasser der Ostindien-Handelskompanie macht er florierende Geschäfte mit China. Struan ist ein Selfmade-Man wie er, nun ja, im Buche steht: Ein zupackender Haudegen mit eisernem Willen, einer, in dem sich brutale Rücksichtslosigkeit und clevere Voraussicht ergänzen. Und er ist einer jener Menschen, die erst richtig aufleben und Chancen wittern, wenn sich alle anderen längst geschlagen geben.

Eine Eigenschaft, mit der sich Struan nicht nur Freunde macht: Zu Beginn der Geschichte verlieren die westlichen Händler den Zugang zum einzigen Hafen Chinas, der ihnen bis dahin zugänglich war. Sie können keinen Handel mehr treiben und stehen vor dem Ruin. Struans Bestreben, die Öffnung Chinas nicht militärisch zu erzwingen, sondern mit den letzten finanziellen Mitteln eine Stadt zu gründen, löst in dieser Lage nicht eben Begeisterungsstürme unter den anderen Westlern aus. Zumal die Stadt noch nicht mal in China selbst liegen soll, sondern auf einer kargen Insel davor. Doch Struan erkennt, dass ein geschützter Hafen für die Westler wichtiger ist, als direkter Zugang zum Festland. Denn Hong Kongs natürliches Hafenbecken würde die Handels- und Kriegsschiffe vor Unwettern und Überfällen schützen. Schliesslich gelingt es Struan durch geschicktes Taktieren, sich durchzusetzen: Eine britische Handelsniederlassung wird direkt vor den verschlossenen Häfen Chinas gegründet, die, Schmuggel sei Dank, nicht ganz so geschlossen sind, wie es zu Beginn den Anschein macht.

Piraten, Stürme, Intrigen

Immer wieder kommt es in der Folge zu diplomatischen und militärischen Auseinandersetzungen mit China. Nicht zuletzt, weil die Briten in China im ganz grossen Stil indisches Opium verkaufen, ist dem chinesischen Kaiser fast jedes Mittel recht, die „bleichen Barbaren“ daran zu hindern, im Reich der Mitte noch stärker Fuss zu fassen. Doch auch Chinas Unterwelt ist vom ersten Tag an in Hong Kong präsent. Schmuggler vom Festland, chinesische Piraten und selbst die Vorläufer der modernen chinesischen Mafia spielen mit im Poker um die Insel und verfolgen dabei ganz eigene Ziele, die nicht denen ihres Kaisers entsprechen. Als ob das nicht genug wäre, entbrennen auch unter den Westlern immer wieder erbitterte Kämpfe um politischen Einfluss, die besten Handelsplätze, die besten Geschäfte, die besten Bauplätze. Die Natur tut ihr Übriges: Krankheiten und Stürme wüten – das Fortbestehen von Hong Kong und Struans Noble House stehen mehr als einmal auf Messers Schneide. Mit einer Vielzahl von unberechenbaren Protagonisten und einer Flut von gut recherchierten historischen Details über die Seefahrt und die Region braut Clavell eine flirrende, mitreissende Abenteuergeschichte und schildert zugleich die schwindelerregend schnelle Entstehung der Metropole, die noch heute als Tor zum chinesischen Festland gilt.

Gleichzeitig beschreibt das Buch das Aufeinanderprallen von zwei sehr unterschiedlichen Kulturen, von denen sich jede für die Überlegene hält. Tatsächlich ist das Einzige, was die Herrscher und Militärs auf beiden Seiten gemein haben, die Starrköpfigkeit, mit der sie darauf beharren, die jeweils anderen seien die Barbaren. So erkennen auf beiden Seiten nur Wenige, wie viel Ost und West eigentlich voneinander lernen könnten. Allen voran erkennt das natürlich Dirk Struan, dessen grosser Traum es ist, „China als gleichberechtigtes Mitglied in den Völkerbund zu führen“. Ein Europäer, der die Chinesen zu ihrem Glück führt: Das klingt aus heutiger Sicht arg nach westlichem Grössenwahn. Doch das sei James Clavell verziehen – immerhin wurde das Buch 1966 veröffentlicht, als Hong Kong noch fest in britischer Hand war und die Grenzen auf den Weltkarten und in den Köpfen noch etwas anders verliefen.

20150123_101133-1_resizedViel Kultur und Geschichte, aber auch viel Fiktion

Clavell verwendet viel Zeit darauf, chinesische Bräuche und Denkweisen für Westler nachvollziehbar zu schildern. Und tatsächlich versteht man es als Leser nur zu gut, wenn Struan viele chinesische Bräuche übernimmt und dafür über die Angewohnheiten seiner Landsleute öfters die Nase rümpft. Zum Beispiel wenn man erfährt, dass tägliche Körperpflege unter Europäern im 19. Jahrhundert noch als ungesund galt – man wusch sich also nur, wenn es absolut unumgänglich war, sprich ein- oder zweimal im Monat. Zusammen mit der britischen Vorliebe für Bier und Brandy vielleicht auch ein Grund, warum nicht alle Chinesen begeistert waren, wenn die weissen „Barbaren“ an ihrer Küste an Land gingen.

Doch auch die Chinesen sind nicht über alle Zweifel erhaben. So ist ihr Kaiser beispielsweise überzeugt, die englische Königin – Victoria, Herrscherin über mehr als ein Fünftel der Erde und ein Drittel der Weltbevölkerung – sei seine Vasallin. Seine Berater wagen nicht, ihm zu widersprechen und so bleibt der Kaiser lange bei dieser Einschätzung, die ihm nicht unbedingt zu strategischen Vorteilen verhilft.

Auf diese Weise erfährt man während der Lektüre immer wieder Wichtiges und Witziges zu den tatsächlichen geschichtlichen Ereignissen, die von Clavell unterhaltsam und auch relativ genau nachgezeichnet werden, obwohl Struan und die meisten anderen Charaktere in dem Buch (leider) frei erfunden sind. Dadurch muss sich der Autor nicht an historische Lebensläufe halten und kann die Erzählung mit Liebesgeschichten und Intrigen anreichern, wie sie für historische Romane eben typisch sind.

Trotz seinem Umfang – 638 eng beschriebene Seiten – will man das Buch bis zuletzt nicht aus der Hand legen. Und das, obwohl „Tai Pan“ kein Buch ist, das durch ungewöhnlichen sprachlichen Stil oder besonders tiefgründige Inhalte auffällt. Es ist ganz einfach eine Abenteuergeschichte. Im besten Sinn des Worts.

James Clavell, geboren als Sohn eines britischen Marineoffiziers 1924 in Sydney, hat nebst seinem Erstlingswerk „Rattenkönig“ mehrere epische Romane im Stil von „Tai Pan“ geschrieben. Sie wurden allesamt Bestseller. Clavell ist 1994 in Vevey in der Schweiz gestorben.
„Tai Pan“ ist das zweite Buch in James Clavells fünfteiliger Asien-Saga. Weitere Bücher daraus gibt’s früher oder später bestimmt hier beim Freitagsblogger.

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Deutsch: Tai Pan, James Clavell, Neuaufl. Weltbildverlag, Augsburg 2004, ISBN 3-89897-116-3; ab ca. 15 CHF. Übersetzung: Werner von Grünau

Original in Englisch: Tai Pan, James Clavell, Atheneum, 1966, P.S. Dieses spannende und einfache Buch ist eine ideale Einsteiger-Lektüre für alle, die gerne ihr Englisch üben möchten.

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