Reiseabenteuer Winterliches

Eingefroren am Ende der Welt

635 Tage im Eis - Alfred Lansing

Text und Bilder  von Jana Kilchenmann

In seinem bekanntesten Werk 635 Tage im Eis: Die Shackleton-Expedition schreibt der der amerikanische Journalist Alfred Lansing über den englischen Polarforscher Ernest Shackleton und dessen gescheiterte Mission, als erster Mensch die Antarktis zu durchqueren zu wollen. Entstanden ist ein detailverliebtes humorvolles aber, dank Tagebucheinträgen und Zitaten der Beteiligten auch sachliches Werk, das man aufschlägt und erst nach der letzten Seite wieder aus der Hand legt. Die Reihenfolge der Ereignisse ist chronologisch gehalten, die Geschichte allein liefert an Spannung genug.

Schon bei der Planung der Imperial-Trans-Antarctic Expedition, wie sie offiziell hiess, flatterten die Nerven. Geldsorgen waren konstante Begleiter und angesichts des bevorstehenden 2. Weltkriegs war es besonders schwierig, Investoren für ein derartiges Unterfangen zu finden. Freiwillige gab es hingegen für alle Zweige der Expedition zur Genüge: Auf die Anzeige „Suche Freiwillige für gefährliche Reise. Niedriger Lohn, bittere Kälte, lange Stunden in vollständiger Finsternis garantiert. Rückkehr ungewiss. Ehre und Anerkennung im Fall des Erfolges.“ gingen 5000 Bewerbungen beim Polarforscher ein. Lansing hat die skurrilsten Bewerbungsgespräche zusammengefasst. Denn Shackleton hatte seine ganz eigenen undurchschaubaren Kriterien, nach denen er seine Besatzung zusammenpickte. Den zukünftigen Schiffsarzt fragte er beispielsweise, ob er denn gut singen und mit den anderen abends etwas mitgröhlen könne. Am 8. August 1914 legte die Endurance in Plymouth Richtung Südgeorgien ab, von wo aus am 5. Dezember die eigentliche Expedition startete.

Heroic Age
Die Endurance-Expedition, wie sie heute bekannt ist, war die letzte grosse Expedition des goldenen Zeitalters der Antarktis-Forschung. Während dieser ungefähr 25-jährigen Episode, in England auch Heroic Age genannt, war die Antarktis das Ziel von 16 verschiedenen Expeditionen aus 8 Ländern. Deren gemeinsame Leistung war, dass sie noch vor der grossen Revolution in Kommunikation und Transport durchgeführt oder versucht wurden. Die Geschichten darüber vermitteln uns eins zu eins, wie gross die Dimensionen einer solchen Reise damals waren und wie viel näher die Welt heute  zusammengerückt ist. Es lässt einen staunen, dass das was man da liest, gerade einmal hundert Jahre her ist.

Bereits vor der Ankunft auf dem Antarktischen Kontinent hat die Endurance mit Wetterschwierigkeiten zu kämpfen. Die Seeleute müssen um grosse Eisschollen herum manövrieren und die Packeisgrenze liegt viel nördlicher als zu der Zeit erwartet. So bleibt das Schiff schliesslich stecken und gerät in seine berühmte Misslage. Es sollen nicht die letzten Komplikationen bleiben. Diese werden von Lansing jeweils besonders eindrucksvoll geschildert und bilden die stärksten Teile des Buches. Es besteht Nahrungsknappheit und die Männer müssen Robben und Pinguine jagen. Mit deren Trang machen sie Feuer zum Kochen. Manchmal stehen sie aber auch mit leeren Händen da, was in dieser Kälte einen abnormen Kräfteverschleiss bedeutet und zu schlechter Stimmung führt. Hier kommt die Führungspersönlichkeit zum Zuge, als die Shackleton so bekannt ist. „Gebt mir Scott als wissenschaftlichen Expeditionsleiter, gebt mir Amundsen für eine störungsfreie Polarexpedition, aber wenn das Schicksal sich gegen euch verschworen hat, dann fallt auf die Knie und betet um Shackleton“, so das Zitat eines nicht näher benannten Zeitzeugen. Man fiebert beim Lesen mit, wenn Lansing einem vor Augen führt, wie die Männer ängstlich im Schiffsbauch liegen während gigantische Eismassen knarzend und kreischend gegen die Planken drücken. Doch der Expeditionsleiter verlangt von seinen Männern ihr absolutes Vertrauen, um ihm zu folgen und verspricht ihnen im Gegenzug, sie nicht sterben zu lassen. Mit seiner strengen, konsequenten und fordernden, aber menschlichen Art hält er sein Versprechen und bringt alle 28 Mann lebendig zurück, was an ein Wunder grenzt.

Zwischenmenschliches
In den besagten 635 Tagen erleben die Abenteurer einen kilometerlangen Drift, den Verlust des Schiffes, eine kräftezehrenden Wanderung durch das Eis und zwei schier gescheiterte Überfahrten in kleinen Booten, ständig durchnässt und von Frostbeulen gezeichnet. Nachts in ihren Zelten phantasieren die Männer in ihren fauligen Rentier-Schlafsäcken liegend, was sie nach ihrer Rückkehr alles essen würden. Apfelkuchen, Sahne und sonstige Süssspeisen dominieren die Wunschlisten. Alle schwören, jeden zu erschiessen, der es wagen würde, ihnen Fleisch anzubieten. Gerade auch das Zwischenmenschliche greift der Autor gekonnt in seinem Buch auf. Obwohl er komplett auf fiktive Elemente oder Interpretation verzichtet und lediglich aus Fakten, wie Tagebucheinträgen, Briefen, Zeitungsberichten und Interviews schöpft, beschreibt er einzelne Situationen bildhaft, was das Lesen sehr abwechslungsreich und unterhaltsam macht und den dokumentarischen Stil durchbricht. Auch die wunderschönen Beschreibungen der antarktischen Weiten sind eine grosse Bereicherung. Die arktische Nacht wird lebendig, wenn der Autor von glitzerndem Eisregen, gespenstischen Nordlichtern und endlosen, im Mondlicht schimmernden Eisbergen erzählt. Verzweiflung, Grauen und unfassbare Schönheit gehen Hand in Hand.

Das Buch ist deshalb empfehlenswert, weil es einem näher bringt, was der menschliche Körper und Geist alles auszuhalten vermögen und von welchen Sehnsüchten, Sorgen und Gedanken die Männer auf ihrer schwierigen Reise geplagt wurden. Selbst unter der Bettdecke wird einem kalt beim Lesen. Dennoch bleibt ein etwas bitterer Nachgeschmack: Einerseits, weil ein Grossteil der Besatzung nach ihrer Rückkehr und kurzer Erholung gleich weiter in den Krieg geschickt wurde. Andererseits weil die Männer zuvor alle zusammen ihr Leben riskiert haben, lediglich um bei irgendetwas die Ersten zu sein und dem Land Ehre einzubringen.

Shackleton - Verschollen im ewigen Eis
Ein Ausschnitt vom DVD-Cover des Spielfilms „Shackleton – Verschollen im ewigen Eis“

635 Tage im Eis: Die Shackleton-Expedition wurde von Alfred Lansing bereits 1959 geschrieben und unter dem Titel Endurance-Shackleton’s Incredible Voyage veröffentlicht. Die Informationen dazu hatte er aus erster Hand. Das Buch wurde 2000 vom Goldmann Verlag auf Deutsch publiziert, aus dem Amerikanischen übersetzt von Franca Fritz, Heinrich Koop und Kristian Lutze. Es kostet ca. 14 Franken und umfasst 320 Seiten.

635 Tage im Eis ist bei weitem nicht die einzige Publikation über die Endurance-Expedition. Neben vielen weiteren Fassungen dieser Geschichte ist beispielsweise mit Shackletons Führungskunst: Was Manager von dem grossen Polarforscher lernen können (2002, Eichborn Verlag) ein Mix zwischen Biografie und Ratgeber entstanden. Der Dokumentarfilm The Endurance – Verschollen im Packeis punktet mit originalen Fotos und Filmaufnahmen. Man kann ihn in voller Länge hier anschauen. Der Spielfilm Shackleton – Verschollen im ewigen Eis hingegen fesselt mit wunderschönen Bildern und dank der Spieldauer von über drei Stunden kann er den geschichtlichen Fakten gerecht werden.

Nächste Woche reisen wir mit Dominique Götz und dem japanischen Autoren Ikezawa Natsuki nach Navidad, in die Wärme der Weihnachtsinseln im Südpazifik.

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