Reiseabenteuer Winterliches

Die letzten weissen Flecken auf der Karte

Christoph Ransmayr - Die Schrecken des Eises und der Finsternis

Text und Bilder von Jana Kilchenmann

Wir können uns nicht an die Zeit erinnern, als es auf der Weltkarte noch Stellen gab, die weiss und unbeschrieben waren und es noch Kontinente, Seewege und Kulturen zu entdecken gab. Der österreichische Autor Christoph Ransmayr folgt in seinem 1984 veröffentlichten Debütroman Die Schrecken des Eises und der Finsternis den Spuren derer, die damals einige dieser letzten weissen Flecken füllen konnten. Er schreibt von Menschen, die loszogen und ihr Leben riskierten, um die Ersten zu sein.

Die österreichisch-ungarische Nordpolarexpedition verliess 1872 den norwegischen Hafen Tromsø, um über Spitzbergen in die Arktis zu gelangen. Auf dem eigens für dieses Unterfangen gebaute Segelschiff mit Hilfsmotor, der Admiral Tegetthoff, sollte die Mannschaft das nördliche Eismeer erkunden.
Geleitet wurde die Expedition von Carl Weyprecht, dem Kommandanten auf See und Julius Payer, dem Kommandanten zu Lande. Daher ist sie auch unter dem Namen Payer-Weyprecht-Expedition bekannt. Doch schon oberhalb des russischen Nowaja Semlja blieb das Schiff im Eis stecken und die 24-köpfige Besatzung driftete während zwei sonnenlosen Wintern unkontrollierbar in bis dahin namenlose Gewässer. Auf dieser Drift entdeckten die Forscher eine Inselgruppe, die sie nach ihrem Kaiser benannten, nämlich das Franz-Joseph-Land.

Ransmayr erzählt all das hochspannend und dramatisch anhand von Aufzeichnungen. „Die Figuren dieses Romans haben an ihrer Geschichte mitgeschrieben“, kommentiert er seine Arbeitsweise im Nachwort. Zwar spielt Geschichte in diesem Werk eine zentrale Rolle. Doch geht es dem Autor auch um die subjektive Form des Erinnerns. Er macht dies deutlich, indem er viele Tagebucheinträge und Briefe zitiert. Dabei setzt er sich mit der Sinnlichkeit persönlicher Empfindungen beim Reisen und Entdecken auseinander. Wenn die Furcht vor der fremden Ferne anzieht, das Gras auf der anderen Seite des Globus saftiger scheint und doch ein Höllenschlund dazwischen liegt.Christoph Ransmayr - Die Schrecken des Eises und der Finsternis

Den zweiten Handlungsstrang der Geschichte bildet die fiktive Reise des Italieners Josef Mazzini, der sich 107 Jahre später auf die Spuren der Payer-Weyprecht-Expedition begab und nicht aus dem Eis zurückkehrte. Seit Mazzini von seiner Mutter erfuhr, dass sein Urgrossonkel als Matrose auf der Admiral Tegetthoff angeheuert hatte, war er von der Idee besessen, diese Reise nachzureisen – so die Verbindung zur Haupthandlung. „Josef Mazzini reiste oft allein und viel zu Fuss. Im Gehen wurde ihm die Welt nicht kleiner, sondern immer grösser, so gross, dass er schliesslich in ihr verschwand.“

Obwohl Ransmayr am Schreibtisch sitzt und nicht im Eis, erleben er und Mazzini doch eine sehr ähnliche Rolle, indem sie dieser Expedition durch die stürmische See und über das krachende Eis folgen. Die Wechsel zwischen beiden Erzählsträngen sind fliessend. Die zeitliche Distanz wird durch die raffinierte Schreibweise des Autors verwischt.
Es gibt zwischendurch auch Stellen, an denen der Autor selbst greifbar wird, indem er schreibt Mazzini zu kennen und kommentiert, was er annimmt oder worüber er sich nicht sicher ist: „Ich kann mir für die Faszination, die dieser Expeditionsbericht in Josef Mazzini auslöste, nur schwer einen anderen Grund als den vorstellen, dass er mit Payers Aufzeichnungen einen Beweis für eines seiner erfundenen Abenteuer in den Händen zu halten glaubte. Gewiss ist aber nur, dass Mazzini damals mit einem geradezu fanatischen Eifer begann, den wirren Verlauf dieser Entdeckungsreise zu rekonstruieren.“

Christoph Ransmayr - Die Schrecken des Eises und der Finsternis
Die Abbildungen im Roman hat Ransmayr dem Werk „Die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition in den Jahren 1872-1874“ entnommen.

Durch diese drei parallel verlaufenden Erzähl-Perspektiven erwartet den Leser ein vielschichtiges Werk, das eine grosse Bandbreite an Themen anspricht. Zentral ist aber immer wieder die Frage, warum gerade Orte wie der Nord- oder Südpol den Entdeckerdrang derart anregen, dass Menschen gewillt sind, ihr Leben dafür zu opfern, um die letzten weissen Flecken auf der Karte zu füllen. „In den Tropen verliert sich das Auge in der Massenhaftigkeit der zu bewundernden Details,“, hielt Carl Weyprecht in seinem Tagebuch fest. „hier richtet es sich in Ermangelung dessen auf das imponirende Ganze, in Ermangelung des Productes auf die producierenden Kräfte. Nicht zerstreut und unbeeinflusst durch das Einzelne concentrirt sich hier die Aufmerksamkeit auf die Naturkräfte selbst.“
Während Weyprecht im Polarwinter die Fassung wahrte, schlug der Forschergeist bei Julius Payer in Besessenheit um. er taufte fleissig Orte, denen sie während der Drift begegneten, eben weil er der Erste war und das Land aus schwarzen Steinen dank ihm Franz-Joseph-Land heissen würde.

Christoph Ransmayrs Die Schrecken des Eises und der Finsternis fand nach der Veröffentlichung zunächst wenig Beachtung. Durch den Erfolg seines zweiten Romans „Die letzte Welt“, der Ende der 80er erschien, und dem Wechsel zu einem anderen Verlag, wurde dann auch sein Debüt international bekannt.

Christoph Ransmayr - Die Schrecken des Eises und der FinsternisDas Buch ist ausgeschmückt mit Abbildungen aus dem Werk Die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition in den Jahren 1872-1874. Eine grosse Bereicherung sind Originalbilder von Payer und Weyprecht und vom Schiff. Daneben gibt es „Hinweise für Touristen“, diverse Tabellen und drei kurze Exkurse.

Durch seine Erzählkunst hat Ransmayr einen historischen Roman geschaffen, der sich auf dem Grat zwischen Dokumentation und Fiktion bewegt. Er betrachtet in diesem schmalen Taschenbuch die Payer-Weyprecht-Expedition aus einem modernen Blickwinkel und ordnet sie im Kontext zu anderen Entdeckungsreisen ein. Durch den Schauplatz, der einem mitfrieren lässt, passt das Buch wunderbar in diese Jahreszeit.

Die Schrecken des Eises und der Finsternis von Christoph Ransmayr, 275 Seiten, ca. 15 Franken.
Erschienen ist der Roman 1984 und wurde vom Fischer Taschenbuch Verlag 1987 erneut veröffentlicht. Das vorliegende Buch ist die 21. Auflage und seit 2012 auf dem Markt. 

Nächste Woche reisen wir mit Dominique Götz nach Tokyo und von dort aus nach Paris und Südostasien.

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