Reiseabenteuer

Unterwegs entlang der Panamericana

Text und Bilder von Daniel Meister

Es wäre so einfach: Sparen, Rucksack packen, Flug buchen. Für Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre irgendein fremdes Land bereisen. Nur du, dein Rucksack und die Strasse. Vergiss den Dauerstress, vergiss die graue Monotonie aneinandergereihter Alltage, vergiss die immer gleichen verbissenen Fratzen jeden Morgen im immer gleichen gleich überfüllten Pendlerzug. Vergiss vor allem das allgegenwärtige Gefasel von wegen mach mit und vote, profitiere jetzt, sei ständig erreichbar. Nicht wichtig. Nicht jetzt. Eine Weile lang nur für den Moment leben. Vielleicht nicht die absolute Freiheit, aber verdammt nah dran. Klingt gut? Ist einfach. Siehe oben.

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Trotzdem bleibt die grosse Reise für viele Menschen ein lebenslanger Traum. Und für die allermeisten Anderen ein einmaliges Erlebnis – immerhin eine nie versiegende Quelle von Anekdoten mit denen man seinem Umfeld jederzeit ungefragt auf den Zeiger gehen kann. Aber eben doch nur eine einmalige Sache.

Nicht genug für Andreas Altmann. Nach einer reichlich wilden Zeit als junger Erwachsener hat er sich all das – das Reisen, den Ausbruch aus der Routine, das Anekdotenerzählen – zum Beruf gemacht. Er ist Reisebuchautor. Ein sehr erfolgreicher und überaus produktiver noch dazu. Sein hier besprochenes Buch „Reise durch einen einsamen Kontinent“ ist sein zehnter (!) in Buchform erschienener Reisebericht und als solcher noch nicht einmal sein letzter: Er hat danach noch vier weitere Reiseberichte und ein paar weitere Werke veröffentlicht.

Kein Machu Picchu, keine farbenfrohen Märkte

Das Schöne daran, Buchbesprechungen über Reiseberichte zu schreiben ist, dass man sich nicht im Erklären einer komplizierten Handlung verlieren kann, denn einen Plot gibt es nicht. Zumindest nicht bei Altmann. Er geht dorthin, wo ihn seine Füsse hin führen. Beziehungsweise dorthin, wo der nächste Bus hinfährt, denn meist ist er mit Fernbussen unterwegs, um grössere Strecken zu überbrücken. Auf diese Weise führt er uns in der „Reise durch einen einsamen Kontinent“ der Reihe nach durch Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien und Chile.

Schon auf der ersten Seite warnt Altmann: „Vor einer Wut und vor einem Fehlkauf. Damit keiner auf die seltsame Idee kommt, er hält einen Reiseführer in Händen. Um seine Ferien zu planen. Kein Hotelbett wird getestet, keine Klobrille inspiziert, kein Wort fällt über Machu Picchu, kein Museum und kein Heiligtum kommen vor, keine Beschreibung „farbenfroher Märkte“ soll einschläfern.“ Kurz: Die „Reise durch einen einsamen Kontinent“ ist ein Reisebericht. Kein Reiseführer. Altmann macht keine Ferien. Er reist.

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Und das so, wie es sich gehört für einen erfahrenen Reisebuchautor. Er reist bescheiden. Möglichst weit fernab der gängigen Backpacker-Routen. Traut sich auf touristische Terra Incognita – in enge kleine Alterswohnungen in kolumbianischen Slums, zum Beispiel, oder an ein Fussballspiel, das von Blinden ausgetragen wird. Oder in ein chilenisches „Café mit Beinen“. Oder ein bolivianisches Bergwerk. Immer auf der Suche nach dem Ungewöhnlichen, nach neuen Facetten der bereisten Länder, nach Menschen, die spannende Geschichten zu erzählen haben. So spricht er mit Schuhputzern, Taxifahrern, Hotelbesitzern, wohltätigen Ehebrecherinnen; er trifft die Erfolgreichen, die Einsamen, die Verlorenen und liefert quasi im Vorbeigehen ein Panorama der südamerikanischen Gesellschaft.

 

Die Krux mit der Einsamkeit

Zwischen all diesen Begegnungen findet man Altmann im Verlauf des Buchs auch öfters einfach auf der Suche nach einem Stückchen Einsamkeit. Was nicht immer ganz einfach ist, denn Südamerikaner lieben Gesellschaft. Ausserdem mögen sie ihre TV-Geräte laut aufgedreht, ihre Musik noch lauter und Hotels sind in den katholischen Ländern der südamerikanischen Pazifikküste beliebte Rückzugsorte für unverheiratete und ebenfalls sehr lautstarke Pärchen. Obwohl sich die Suche nach der Einsamkeit somit bisweilen schwieriger gestaltet, als es der Titel des Buchs vermuten lässt, findet er sie gelegentlich: „Ein Hund trottet aus dem Off auf die einzige Strasse, die Panamericana. Stromleitungen, die im Wind wippen, dürre Sträucher treiben über den Boden, irgendwo verwittert ein Schild mit der Aufschrift Hospedaje. Kein Mensch zu sehen, nur die Häuser in der Wüste. Bilder aus einem amerikanischen Western, Momente vollkommener Gelassenheit.“

PanamericanaMit seiner Art zu reisen ist Altmann eigentlich der ideale Backpacker. Wobei er sich wahrscheinlich sehr an der Bezeichnung Backpacker stossen würde. Zu sehr klingt der Begriff nach dem, was in Lateinamerika als „Gringo Trail“ bekannt ist: Die immer gleiche Reiseroute für die immer gleichen Rucksacktouris. Heutzutage im Wesentlichen eine lange Kette strategisch günstig gelegener, aber ansonsten austauschbarer Hostels, in denen junge verkaterte Temporärhippies mit Banana-Pancakes verköstigt werden und vor denen nach dem Einheitsfrühstück bereits der Shuttlebus zur nächsten Sehenswürdigkeit wartet. Für Altmann, der beim Beschreiben seiner Reisen nie mit der eigenen Meinung hinter dem Berg hält, der blanke Horror und immer wieder mal ein Grund, Schimpftiraden über diese neue Art von Massentourismus vom Stapel zu lassen. Also nennen wir Altmann mal besser nicht Backpacker, sondern Globetrotter. Obwohl Globetrotter natürlich genau das tun, was auch Backpacker im Idealfall tun (sollten). Hie und da die Einsamkeit suchen, nämlich.

Hassobjekte, sprachliche Prägnanz und Backpacker-Stammtischweisheiten

Altmann schreibt knapp, bildhaft, treffsicher: „…enge Strassen, enge Gassen, windschiefe Häuser, Hunde streunen, eine Frau zerkleinert mit einem breiten Stein Paprika, Esel laufen quer, Bauern reiten auf ihre Felder, Ziegen versperren den Weg, ein Markt wird aufgebaut, Kinder gehen zur Schule, ein ambulanter Händler mit über den Bauch baumelnden Transistorradios zieht herum…“. Das ist ziemlich genau das, was einen an einem x-beliebigen Morgen in einem x-beliebigen Dorf in Ecuador oder Bolivien erwarten könnte.

Südamerika Dorf
Ob so viel Idylle wird man stellenweise den Eindruck nicht los, dass Altmann zur Abwechslung immer wieder ganz gezielt die Nähe seiner Hassobjekte sucht – also die Nähe von verweichlichten Backpackers, TV-Geräten oder die von Paolo Coelho. Ein Running Gag, der in jedem von Altmanns Reiseberichten vorkommt. Mit genüsslicher Häme lässt er sich über die gesammelten Binsenweisheiten des brasilianischen Ex-Werbetexters aus. Eine coelhosche Kostprobe gefällig? Bitte sehr: „Ein Krieger darf den Kopf nicht hängen lassen, denn dabei würde er den Blick auf den Horizont seiner Träume verlieren.“ Kein Wunder, dass unser Autor angesichts von so viel Weisheit zwischen Lachkrämpfen und Tobsuchtsanfall schwankt.

Aber auch Altmann kann man mit etwas bösem Willen unterstellen, dass er gerne mal mit Plattitüden um sich schiesst. Immerhin ist er geschickt genug, für die plattesten Sätze seine Reisebekanntschaften zu zitieren. Trotzdem: „Wir sterben nicht an den Gefahren, wir sterben an unserer Angst vor diesen Gefahren.“ No Shit? Mit solchen Phrasen würde sich auch Altmann bestens als Werbetexter für die Fernweh-Industrie eignen.

Egal. Wenn einer sich so mit Haut und Haaren dem Reisen verschrieben hat und uns Hobbyreisende so regelmässig mit Ideen für neue Trips versorgt, darf er auch mal ein paar Allgemeinplätze von sich geben. Gerade die Kombination aus ein paar (wenigen) Binsenweisheiten, bärbeissiger Einsamer-Wolf-Attitüde und scharfem Blick für die durchreisten Gebiete macht Altmann als Person greifbar. Und um bei den Backpacker-Stammtischweisheiten zu bleiben: Was wäre eine Reise, ohne die Persönlichkeit und den eigenen Blickwinkel des Reisenden?

La PazSo oder so: Für Fernwehkranke, Südamerikaliebhaber und Leute, die gerade eine Reise in die Region planen ein sehr empfehlenswertes Buch. Für Pauschaltouristen, Objektivitätsversessene und Fans von Paolo Coelho nicht.

Nächstes Mal geht es mit Jana Kilchenmann in die Antarktis.

Reise durch einen einsamen Kontinent, Andreas Altmann, 2007, Dumont; ab CHF 11.60.
Das Buch wurde mit dem Reisebuchpreis 2008 ausgezeichnet.

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