Reiseabenteuer

Beule, gelobtes Land

Beule, gelobtes Land

Text und Bilder von Daniel Meister

Wer schon einmal in einer südamerikanischen Grossstadt war, kennt sie, zumindest von einem flüchtigen Blick aus dem Taxi vom Flughafen in die Innenstadt. Die Rede ist von den riesigen Gürteln aus unverputzten Backsteinhütten, die sich um die Stadtzentren legen, die Anhänge hinaufwuchern und oft bis weit über den Horizont hinaus die Aussenbezirke der Stadt bilden. Der Schriftsteller Marco Schwartz hat in seinem Roman „das Karibische Testament“ mehr als nur einen flüchtigen Blick auf eine dieser Siedlungen geworfen. Am Beispiel des Barrios „El Chibolo“ beschreibt er vielmehr bis ins Detail genau die Entstehung und Entwicklung einer solchen Stadt um die Stadt.

Vom Dorf zur Beule

Gleich zu Beginn stellt er klar: „Am Anfang gab es diese staubigen Strassen nicht, auf denen jetzt hungrige Hunde herumstreunen und Sektenprediger ihre Litaneien singen und das Ende der Welt verkünden.“ Stattdessen sind da Buschlandschaften, Palmen, ein trockener Wind vom Meer her, die gleissende Sonne der nordkolumbianischen Karibikküste.

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Die Bewohner der Region Barranquilla allerdings haben kaum einen Blick für all das übrig. Ihr Alltag ist geprägt von harter Arbeit und von der Angst, diese zu verlieren. Die malerische Natur bildet für sie vor allem eine Drohkulisse: In der Natur lauern Epidemien, Überschwemmungen, die Gefahr von folgeschweren Unfällen. Jeder Tag kann zur Katastrophe werden. Nur allzu oft wird er es auch. Am Beispiel mehrerer Familien schildert Schwartz die elenden Lebensumstände der ländlichen Bevölkerung und parallel dazu den Aufstieg der kleinen Gemeinde Bellavista zur ins Uferlose wachsenden Grossstadt. Und er beschreibt die Machenschaften der Mächtigen der Provinz, die sich schamlos an den Menschen bereichern und bei Bedarf auch mal einen Streik zusammenschiessen lassen. Die allermeisten Normalsterblichen ergeben sich angesichts dieser Umstände ihrem Schicksal: Sie versinken in verbitterter Apathie oder verfallen dem Alkohol. Die meisten werden jung Eltern und ziehen für den Rest ihres Lebens die nächste illusionslose Generation gross.

Anders Moisés Cantillo. Sein Auftritt bildet einen der wenigen Hoffnungsschimmer in dem 314 Seiten langen Buch. Moisés ist jung, charismatisch, intelligent. Es gelingt ihm, die Menschen der Region aus ihrem Trott aufzuscheuchen. Er begeistert sie für die Idee, ein Stück Land bei Bellavista zu besetzen, am Rand der ewig wachsenden Grossstadt. Dort wollen sie sich einen eigenen Stadtteil bauen und Anteil haben an den Möglichkeiten, die sie sich vom Leben in der Stadt versprechen. Dass am Ende fast nichts so kommt wie geplant, verrät der Name des so entstandenen Stadtteils – „El Chibolo“ bedeutet die Beule. Schwartz beschreibt in der Folge, wie die Träume der neuen Stadtbewohner wahr werden oder eben nicht und wie es zuletzt dazu kommt, dass es die Sektenprediger gibt und „die staubigen Strassen, auf denen jetzt hungrige Hunde herumstreunen“.

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„La 13“, Medellin, Kolumbien.

Wie eine Reportage mit Bibelzitaten

Schwartz gelingt es nicht nur, das Alltagsleben, das Aussehen und den Klang eines Viertels wie „El Chibolo“ glaubhaft wiederzugeben, er durchleuchtet auch die Verstrickungen von Kirche, Wirtschaft und Politik in die Geschehnisse, was dem Roman stellenweise die Züge einer gesellschaftskritischen Reportage verleiht – zumal es in den Metropolen Südamerikas etliche Stadtteile gibt, die unter vergleichbaren Umständen entstanden sind.

An anderen Stellen nimmt sich Schwartz dann allerdings klar die Freiheiten eines Romanschreibers. So ist es kein Zufall, dass es ein Mann namens Moses ist, der die Landbevölkerung in das gelobte Land namens Beule führt: Schwartz spielt nicht nur im Titel des Buchs und bei Moisés’ Namen mit biblischen Motiven, das ganze Buch ist damit durchsetzt. So ähnelt seine Wortwahl deutlich der der eines herumziehenden Landpredigers. Ausserdem sind in dem Roman unter anderem Parabeln auf die Vertreibung aus dem Paradies und die Geschichte von Kain und Abel zu finden. Eine Reportage mit biblischen Anleihen, gewissermassen. Wobei im “Karibischen Testament“ interessanterweise stets die Rücksichtslosen, die Brutalen und die Verlogenen die Rolle von Gott übernehmen.

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Medellin, Kolumbien

Wozu das Ganze?

Eigentlich werden Bücher wie „Das Karibische Testament“ heute nicht mehr gebraucht. Längst kann man in Städten wie Rio de Janeiro Favela-Tours buchen. „Sich ein Bild von der Armut machen“, nennen das die aufgeregten Teilnehmer dann beim zweiten oder dritten Caipirinha auf der Hotelterrasse, nachdem sie sich mit Spiegelreflexkamera und Geldgürtel bewaffnet mit gepanzerten Reisebussen in befriedete Favelas haben karren lassen, um ein paar Fotos von herumlungernden Kindern in zerrissenen Klamotten zu schiessen. Andere würden hier von Elendsbegaffung sprechen, aber jedem das Seine. Wer sich jedenfalls ein detailliertes Bild von den Verhältnissen in den für Touristen eher unzugänglichen Teilen südamerikanischer Städte machen will, ist mit diesem präzise erzählten Roman mindestens so gut bedient.

Marco Schwartz kam 1956 in Barranquilla, Kolumbien als Enkel polnischer Juden zur Welt, die in den 1920er Jahren nach Kolumbien ausgewandert waren. Er lebte in Kolumbien, den USA und Israel und wohnt seit 1986 in Madrid. Ursprünglich Bauingenieur, ist er seit langem als Schriftsteller, Essayist und Journalist tätig. Die Geschichte von „El Chibolo“ ist sein erster Roman.

Originalausgabe: Vulgata caribe, 2000, Marco Schwartz, Muchnik Editores Madrid

Deutsche Ausgabe: Das Karibische Testament, 2008, Marco Schwartz, Rotpunkt Verlag Zürich. Aus dem Spanischen von Jan Weiz.

978-3-85869-363-1; erhältlich im Schweizer Buchhandel und online ab 22.00 CHF

Nächstes Mal bleiben wir mit Jana Kilchenmann in der Schweiz – abgesehen von einem Abstecher nach Australien.

 

 

 

 

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