Unterwegs

Brasilien aus den Augen eines Sterbenden

Vergossene Milch

Eulalio ist alt, liegt in einem Krankenhaus irgendwo in Rio und erzählt im Fieberwahn. Seine Geschichte, die seiner Familie, jene seines Landes. Wem genau er da seine Memoiren diktiert, ist ihm schon länger nicht mehr ganz klar: Seiner Tochter? Seiner Pflegerin? Sich selbst?
Das 2009 erschienene Buch „Leite derramado“, ist bereits das achte Buch, das der aus Rio de Janeiro stammende Schriftsteller Chico Buarque veröffentlicht hat. Sein Name dürfte auch hierzulande einigen bekannt sein, denn Buarque ist seit den 1960ern als Musiker eine bekannte Grösse in der brasilianischen Kulturszene. Mit „A Banda“ landete er 1964 einen Welthit. Konsequenterweise funktioniert auch sein neuestes Buch wie ein guter Bossa-Nova Titel. Es gibt ein Grundthema – wahlweise Liebe oder Trauer – und mehrere Erzählstränge, die sich ergänzen und in schneller Folge abwechseln.

Um diesen Erzählstil umzusetzen bedient sich Buarque der Hauptperson des 208 Seiten langen Romans. Es ist die Stimme des über 100-jährigen Eulalio, die uns durch das Buch führt. In seinem Delirium verwechselt Eulalio nicht nur seine Zuhörer ständig, sondern auch Ereignisse, Zeiträume und Menschen aus seiner Vergangenheit. Damit hat sich Buarque einen Freipass geschaffen, nach Belieben die verschiedenen Schauplätze und Zeitstränge seines Romans wechseln zu können. Einzige Konstante und zugleich der Kern seiner Erzählung sind Eulalios Erinnerungen an Matilde, seine grosse Liebe.

Eulalio erzählt umnebelt, aber mit Inbrunst, detailreich und – wichtig – im Tonfall seiner Gesellschaftsschicht. Er entstammt der Elite Brasiliens, einer Familie aus altem portugiesischem Adel. Selbst auf dem Sterbebett wird er nicht müde, diesen Umstand zu betonen und von seinem Pflegepersonal eine entsprechende Behandlung zu verlangen. Dabei wirken seine Umgangsformen und sein Blick auf die Welt mitunter fast schmerzhaft elitär und veraltet. Zum Beispiel wenn er sich mit zwei Streifenpolizisten unterhält: „Da das Thema sie nicht interessierte, fragte ich sie, ob sie hier glücklich seien oder lieber nach Afrika zurückgehen würden. Ich erklärte, bei der Polizei zu dienen sei ein grosser Fortschritt für die Schwarzen, gestern noch hätte die Regierung sie nur für die Stadtreinigung eingestellt.“.

So lernen wir Eulalio erst einmal als bornierten Schmarotzer kennen, der zeitlebens vom Familienvermögen lebte, das seine Vorfahren zu einem guten Teil durch Sklavenhandel und Korruption angehäuft haben. Doch allmählich erhält diese Fassade Risse. Denn während Eulalio fiebrig wirr von riesigen Villen, Hausdienern und Beziehungen in die besten Kreise schwadroniert, wird einem als Leser klar, dass unvorstellbarer Reichtum und bitterste Armut in Brasilien bisweilen nur knapp eine Generation auseinander liegen. Und je länger Eulalio erzählt, desto mehr erkennt man auch ihn als den, der er hinter allen Allüren ist: Einer, der nicht aus seiner Haut raus kann, der immer nur „fast sein Vater“ war, der im Grunde seines Herzens vielleicht lieber ein glücklich verheirateter Gärtner geworden wäre, als der Sohn eines Senators.

Einerseits hat Buarque mit dem Buch eine Liebesgeschichte aus der Sicht eines Menschen geschrieben, der mit den rasanten gesellschaftlichen Veränderungen in seinem Land nicht mithalten kann. Andererseits gelingt es ihm mit dem für hiesige Brasilienklischees untypischen Erzähler aber auch, laufend Analogien zu seinem Heimatland und zur Mehrheit seiner Einwohner einzubauen: Die Erfahrung, nicht aus der eigenen Haut(farbe) raus zu können, die brutal turbulente Vergangenheit, die sensible Sehnsucht – das sind allesamt Eigenheiten, die nicht nur Eulalio ausmachen, sondern Brasilien als Ganzes.

BrasilienDass man beim Lesen ausnahmsweise mehr über Brasilien erfährt, als dass es dort Sambaschulen, Favelas und gute Fussballer gibt, macht das Buch für europäische Leser zu einer bereichernden Lektüre, die allerdings deftig daherkommt: Der greise Eulalio ist sich trotz seiner guten Kinderstube nicht zu schade, seine sexuellen Eskapaden bis ins Detail zu schildern, womit er stellenweise die Grenze zum Abstossenden deutlich überschreitet.

Die Idee, die Geschichte eines aufstrebenden Landes aus dem Blickwinkel eines verwirrten Sterbenden zu erzählen – einem der letzten seiner Art, der (s)eine scheinbar glorreiche Vergangenheit betrauert – ist genial und wird von Buarque bis zur letzten Seite konsequent umgesetzt. Die chaotische Erzählweise des Protagonisten könnte einige Leser allerdings daran hindern, das Buch fertig zu lesen, was schade wäre. Eulalios Erinnerungsfetzen gleichen Mosaiksteinchen. Erst mit den letzten Seiten entsteht aus dem selbstgerechten Gestammel eines überheblichen alten Mannes plötzlich ein gefühlvolles Gesamtwerk.

Brasilianisch Portugiesisch: Leite derramado, Chico Buarque, Companhia das Letras, 2009

Deutsch: Vergossene Milch, Chico Buarque, S. Fischer Verlag, 2013, aus dem Brasilianischen Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner

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